
2. August 2026 – Honningsvåg
Diesen Tag gingen wir langsam an. Das Anlaufen des Nordkap-Hafens erlebten wir nebenbei, als wir uns auf diesen Tag vorbereiteten. Unseren ersten Rundgang auf den oberen Decks starteten wir kurz nach 8 Uhr.
Was wollten wir mehr – unser Nordkapwetter! Kein Regen, kein Nebel, kein Sturm – so sollte es bleiben!
Honningsvåg hat ungefähr 2.200 Einwohner, die von dem leben, was mit dem Meer verbunden ist. Zum einen vom Fischfang, zum anderen vom Tourismus; seit ca. 30 Jahren besonders vom Kreuzfahrttourismus. Seit 1869 wurde der Hafen regelmäßig von Schiffen der Hamburgroute angefahren; deren Hauptzweck war der Transport von Guano, allerdings wurden auch Passagiere mitgenommen. 1898 wurde die Stadt erstmals von Hurtigruten angelaufen. Wie sich in den letzten Jahren der Kreuzfahrttourismus zum Nordkap entwickelt hatte, erkennt man an den Hafenbesuchen (incl. Hurtigruten): 2024 – 174 Schiffe, 2025 – 160 Schiffe; 2026 – 152 Schiffe erwartet; nur Geiranger und Bergen hatten mehr Kreuzfahrtankünfte in Norwegen. Aber auch schon 100 Jahre zuvor kamen Besucher per Schiff zum Nordkap; so z.B. 1905 37 Dampfer mit insgesamt 2.700 Reisenden, davon ungefähr die Hälfte aus Deutschland.
Auch wir beabsichtigten, was die allermeisten Honningsvåg – Besucher vorhaben: vom Tor zum Nordkap = Honningsvåg Fahrt zum Nordkap. Aber nicht gedrängt in einem großen Bus sondern schön gemütlich in einem Skoda Kodiaq, den wir kurz nach 10 Uhr bei der in Sichtweite unseres Schiffes gelegenen Mietwagenstation übernahmen.
Vorab: Da wir zu viert unterwegs waren, zahlten zwei Personen noch nicht einmal die Hälfte (incl. Benzin) von dem, was sie für den Bustransfer gelöhnt hätten. Und wir waren nicht nur drei sondern sechs Stunden unterwegs und machten Abstecher in einige kleinere Ortschaften. Die Straßen waren gut befahrbar; abseits der Hauptverbindung zum Nordkap teilweise eng. Aber in Norwegen wird nicht gerast!
Wir verließen die Stadt, gewöhnten uns an das vorher nicht bekannte Auto, passierten den Flughafen und sahen so etwas wie eine Parkmöglichkeit oberhalb einer Bucht. Nix wie hin …
Faszinierend, nicht wahr?! Vor uns lag bereits das, was uns während der gesamten Tour größtenteils erwartete. Das, was die Nordkapinsel Magerøya bedeutet: übersetzt magere, karge Insel. Felsen und Felsbrocken. Dann wurde aus grau grün. Keine Bäume, wenig Sträucher, später überhaupt keine Sträucher mehr. Nordmeerstürme hinterließen ihre Daumenabdrücke. Aber den Gräsern und Moosen konnten sie nichts anhaben. Sie setzten sich durch. Viel Wasser – Seen. Gletscherseen. Teilweise romantisch zwischen Bergen gelegen. Natürlich mit den in Norwegen unvermeidlichen Hütten. Na ja, es waren eher bestens ausgestattete Ferienhäuser.
Langsam stieg die Straße mit langgezogenen Kurven an. Irgendwie stimmte die insgesamt öde Landschaft traurig, irgendwie fesselte sie. Kleine, mit kurzem Gras bewachsene Erdbuckel fielen auf. Frostbeulen … Echt! In den langen Winterperioden hob der Frost die Erde an und formte so die Buckel.
Ab und zu gab es Parkplätze am Rande der Straße. Einer hatte es uns angetan: Aurora Lights View Parking.
Eine ausgezeichnete Sicht über die Seibukta bay – schon im jetzigen Sommer war es ein unbeschreiblicher Ausblick. Wie mag es erst im Spätherbst und Winter sein, wenn sich bei entsprechendem Wetter die Nordlichter über die Besucher tummeln???
Für uns hieß es weiter. Bis zur nächsten Parkmöglichkeit.
Unterwegs sahen wir nicht nur einen von vielen Touristenbussen, der nach dem Ausladen seiner Fracht vom Nordkap zurückkehrt, sondern auch eine besondere Felsformation am Rande des Nordkapfelsens, das Nordkaphorn, das an der Spitze 146 m über dem Nordmeer liegt. Übrigens ist das Horn für die Samen aus religiösen Gründen sehr wichtig.
Nachdem wir die nötigen Fotos „im Kasten hatten“, erreichten wir nach wenigen Kilometern die Schranke vor dem Nordkap-Parkplatz. Wir gaben an der Kasse den Hinweis „Parking only“ und wurden sofort durchgewunken.
Seit 2021 wird für den Nordkap-Zugang keine Gebühr mehr erhoben (Jedermanns-Recht!); lediglich für den Besuch der Nordkap-Halle muss man nkr 360,-- (ab 16 Jahre) zahlen. Am Rande des Parkplatzes gibt es eine frei zugängliche Toilette.
So, wir waren angekommen. Dort, wo 1664 der italienische Forschungsreisende Pietro Negri schrieb: „Hier stehe ich am Nordkap, an der äußersten Spitze Finnmarks, am Ende der Welt. Hier, wo die Welt endet, endet auch meine Neugierde, und ich wende mich zufrieden nach Hause.“
Nein, so schnell wollten wir nicht nach Hause. Wir wollten die vermeintlich nördlichste Stelle Europas genießen. Und schon lag sie vor uns. An dem Punkt, auf dem der allseits bekannte Globus installiert worden war.
Im Moment mäßig besucht. Nach einigen Minuten auch von uns. Nun ja, es dauerte einige Minuten bis wir die Weltkugel ohne Besucher fotografieren konnte. Aber im Gegensatz zu den Bustouristen nahmen wir uns die Zeit zu warten bis sich einer nach dem anderen mit dem Globus aufs Bild bannen ließ und er danach ohne Personen zu sehen war. Und es gelang.
Auf einmal bemerkten wir hinter uns ein tiefes Durchschnaufen. Ein Radfahrer, der gerade angekommen war.
Wir unterhielten uns mit ihm. Er hatte seinen Traum erfüllt: mit dem Fahrrad von Kiel zum Nordkap. 3.200 km in 32 Tagen. Bei Wind und Wetter – bis auf 8 Tage mit viel Regen. Und nach den letzten Anstiegen bis zum Plateau vollgepumpt mit Adrenalin. Ob er in den letzten Wochen das Abenteuer seines Lebens hinter sich gebracht hatte? Nein, so drahtig, wie er aussah, hatte er sich mit Sicherheit für die Zukunft noch mehr vorgenommen. Wir ließen ihn in seinem Glück allein und spazierten über das Plateau rund um die Nordkaphalle.
Die winzige Weltkugel unter blauem Himmel. Daneben das tiefblaue Meer. Und in uns die Freude, dass wir mit unserem Sehnsuchtsziel wieder einmal Glück hatten: Nordkap ohne Regen, Sturm und Nebel … Okay, bei unserem ersten Besuch 2007 standen wir vor dem von Seenebel verhüllten Globus. Aber nach 10 Minuten verschwand der Nebel und kam erst einige Minuten vor unserer Rückfahrt zum Schiff zurück. Und blieb. Die nach uns Angekommenen hatten die berühmte Karte gezogen.
2010 – 2013 – 2015 – 2016 – 2023 – 2026 – warum so häufig? Wir lieben Norwegen und wenn das „Nordkap auf dem Weg liegt“, besuchen wir es. So nebenbei: Falls Ihr bisher mit dem Nordkap-Wetter Pech hattet – begleitet uns … Allerdings haben wir im Moment noch keine Fahrt in den hohen Norden geplant.
Einmal umdrehen, damit wir das andere Nordkap betrachten konnten. Liebe Leser, falls Ihr noch nicht darüber informiert sein solltet, muss ich Euch einige Illusionen nehmen. An diesem Tag besuchten wir die Station des Irrtums - das Nordkap. Gewöhnlich wird gesagt, dass man auf 71° 10' 21" nördlicher Breite den auf der Insel Magerøya gelegenen nördlichsten Punkt des europäischen Festlands erreicht … Aber Pustekuchen … Denn es existieren europäische Inseln, die noch näher zum Nordpol liegen! Selbst auf Magerøya schiebt sich das neben dem Nordkap liegende Kap Knivskjellodden
ca. 1.380 m weiter gen Norden … Und als nördlichster Punkt des europäischen Festlandes gilt die Landzunge Kinnarodden (71° 08’ 01’’ nördlicher Breite) auf der Halbinsel Nordkinn. Immerhin wird das Nordkap als nördlichster, mit dem Auto erreichbarer Punkt Europas bezeichnet. Aber auch diese Erkenntnisse schmälerten nicht das Erlebnis, auf dem beeindruckenden Plateau gestanden zu haben – immer wieder gerne …
Knapp 1 ½ Stunden grasten wir das Plateau des Nordkaps ab und schauten uns das Mitternachtssonnenstraßen-Denkmal, das um 1873 für und von König Oscar II von Schweden und Norwegen (oder auch umgekehrt) anlässlich seines Besuches enthüllte Denkmal und das Friedensdenkmal an. Danach fuhren wir zurück. Selbstverständlich nicht zum Schiff, denn wir bogen nach diversen Fotostopps, z.B. am Kjeftavatnet, auf eine Regionalstraße ab. Unser Ziel war die 60-Seelen Weltstadt Skarsvåg, angabegemäß das nördlichste Fischerdorf der Welt.
Verlaufen konnte man sich nicht in diesem Ort, der nebenbei vom Tourismus lebt. Fördernd waren die niedlichen, zum Glück nicht Renntiere, die sich von uns nicht stören ließen, vielmehr sich auf die bald auf sie zukommenden stressigen Aufgaben vorbereiteten.
Skarsvåg wird von vielen Individualtouristen besucht, da vor dem Ortseingang ein enger, steiler Pfad zu der Felsformation Kirkeporten abzweigt. Wenn man vor der Kirchenpforte steht, kann man in der Ferne das Nordkap und das berühmte Horn sehen. Ganz so weit wagten wir uns nicht. Wir hechelten lediglich den Hügel hinauf und betrachteten von dort oben das Nordkaphorn.
Während des Rückwegs hatten wir atemberaubende Blicke auf den am Risfjord liegenden Ort.
Kein Wunder, dass wir vorsichtig und damit auch langsam nach unten schlichen, immer einen Blick auf den Pfad und die Landschaft rund um den Fjord.
Gut, dass wir auf eigene Faust im Mietwagen unterwegs waren. So konnten wir halten, wann und wo wir wollten; z.B. oberhalb des Ausläufers des Skipsfjorden mit der Hotel- und Campinganlage Scandic Nordkapp.
Auf der anderen Seite des Fjords war die nach Honningsvåg führende Straße zu erkennen. Wir beschlossen, die Hotelanlage aufzusuchen – dort war jedoch so gut wie nichts los. Ein Grund, weiterzufahren. Und zwar zum Fischereidorf Kamøyvær. Unterwegs gab es wie schon öfters in den vergangenen Stunden Gelegenheiten zum Fotografieren. Auf einmal tauchten einige Häuser gegenüber von einem Anleger mit Fischerboot auf.
Kein Mensch weit und breit – als rauf auf den Anleger und zur maritimen Umgebung mit Schiff, Seilen, Fender, Netzen, Bojen.
Nach wenigen Kilometern erreichten wir das von zwei Inselbrocken vor den Nordstürmen geschützte Kamøyvær und fuhren bis es nicht mehr weiterging. Im Vergleich zu Skarsvåg ist Kamøyvær fast eine Großstadt – mit 70 Einwohnern 1/6 mehr. Wie viele andere nordnorwegische Orte sahen wir viele bunte Häuser – man versucht, sich in der langen dunklen Jahreszeit an den unterschiedlichen Farben zu erfreuen. Wir hielten uns ein wenig länger auf, spazierten zu einem auf einer Anhöhe gelegenen Leuchtturm und verfolgten, wie ein Fischerboot auf dem Kamøyfjord mit hoffentlich guter Ausbeute vom Fang zurückkehrte.
Nach diesen beeindruckenden Ausblicken fuhren wir endgültig zurück nach Honningsvåg und gönnten uns eine kleine Rundfahrt durch Haupt- und Nebenstraßen bis zur Menesbukta.
Ein reines Wohnviertel grenzt an diese Bucht; die pink-weiße Halle wird zu Sportzwecken genutzt. So, genug gefahren und zurück zur Mietwagenstation und zum Schiff.
Nur (?) für die Touristen hatte man ein Trockenfischgestell mit erntereifen Dorschköpfen aufgestellt. Ernte von Stockfischen? D.h. von den Stangen abgenommen, auf Paletten gestapelt, mit Folie fixiert und so für den Export vorbereitet. Nach ungefähr sechs Monaten Reifen an der frischen Luft. Für die Lofotenfischer sind die Monate Januar bis März die fünfte Jahreszeit. Sie holen den Dorsch aus dem Nordmeer. Ausgenommen wird er auf Gestelle gehängt. Wind und damit die salzhaltige Luft führen im Trocknungsprozess dazu, dass der Fisch bis zu 70 % der Körperflüssigkeit verliert und somit nahezu unbegrenzt haltbar wird. Exportiert wird er vorwiegend nach Südeuropa, wo er als Delikatesse gilt. Es ist erwiesen, dass schon die Wikinger Stockfisch als Handelswaren in den Süden mitgenommen hatten. Übrigens werden kleine Mengen eingeschweißter Stockfisch in den Touristenläden oder auch Supermärkten verkauft. Schlagt zu – probiert ihn – man kann ihn essen … Es ist nicht unbedingt ein kulinarisches Erlebnis. Aber eine Erfahrung. Nur ein Tipp: Öffnet die Packung nicht unbedingt im Auto oder im Bus. Man schafft sich damit keine Freunde - es könnte zu Protesten kommen wie vor Jahren während unserer Rückfahrt … Die sehr proteinhaltigen Fischköpfe sind übrigens keine Abfälle; sie werden ab Juni/Juli im trockenen Zustand peu á peu nach Nigeria verschifft und als Ergänzungsnahrung verarbeitet.
Weg von den Stockfischköppen – schnell mal kurz auf die Vasco da Gama und anschließend zu Fuß durch die Hafengegend. Was fiel uns außer den an den Kais liegenden Fischerbooten auf? Ein blau-weißes Gebäude, drapiert mit Fischereiutensilien.
Perleporten – das Kulturhaus für Konzerte, Theateraufführungen, Ausstellungen und Festivals. Da Kultur Hunger und Durst erzeugt, sorgen eine hauseigene Brauerei und der Pub Seestraße (auf gut norwegisch Sjøgata) für das leibliche Wohl der Kulturbesessenen und auch nicht davon beleckten Gästen.
Wenn sich die Erwachsenen nach erfolgter Berieselung im Pub stärken, sollten die Kinder der Insel nicht vernachlässigt werden. Sie sammeln Müll und stellen ihn aus. In Form von selbst erstellten Collagen.
Wie diese mit dem Titel Global Challenges – globale Herausforderungen. An vielen Stellen des Ortes fanden wir diese Kunstwerke wieder. Die örtliche Schule, unterstützt von ansässigen Kunstschaffenden und Aktivisten, schafft mit den Schulkindern diese Kreationen und schärft damit das Bewusstsein der Agierenden und auch der Betrachtenden, nicht nur über die Müllproblematik zu reden sondern auch zu handeln.
Nach weiterer Besichtigung der Hafengegend kehrten wir auf die Vasco da Gama zurück. Bis zum Abendessen verbrachten wir einen gemütlichen Restnachmittag.
Gegen 22 Uhr verließ das Schiff die Insel. Wir beobachteten, wie es den Hafen verließ und verzogen uns anschließend auf unsere Kabine, da es inzwischen dunstig und ungemütlich geworden war.