
3. August 2026 – Hammerfest
Ist Hammerfest die nördlichste Stadt der Welt? Während meiner Jahrzehnte zurückliegenden Schulzeit wurde dieser Titel Hammerfest zugesprochen. Und dann kamen die Stadtoberen von Honningsvåg bzw. von deren Provinz: Sie gaben Honningsvåg den Stadtstatus. Vorbei war es mit der Glorie Hammerfests … Ein Streit zwischen diesen beiden Orten begann, der scheinbar noch immer nicht so richtig gelöst ist. Dabei hatten die Chefs beider Städte wohl bewusst nicht beachtet, dass Longyearbyen und Utqiaġvik (ehemals Barrow) noch nördlicher liegen; nach norwegischen Vorgaben darf sich Longyearbyen aufgrund der geringen Einwohnerzahl nicht als Stadt bezeichnen. Nun stehe ich da und weiß nicht weiter. Egal – das soll den Besuch dieser Stadt am frühen Morgen unter strahlend blauem Himmel nicht beeinflussen …
Leider legte die Vasco da Gama nicht dort an, wo man sofort zu den nicht sehr zahlreichen Sehenswürdigkeiten stoßen kann – nicht in der Stadtmitte am Hurtigruten-Kai. Zum Ausgleich durften wir tolle Wasserspiegelungen genießen:
Unser Ausflug begann quasi mitten in der Nacht – um 8.15 Uhr. Wir wollten „Auf Entdeckungstour durch das Land der Flüsse“, gebucht über nicko cruises. Neben Flüssen wurde uns eine Fahrt durch eindrucksvolle arktische Landschaften versprochen. Dazu mussten wir zunächst die Insel Kvaløya verlassen, auf deren westlichen Seite Hammerfest liegt. Das hatte zur Folge, dass wir in etwa ostwärts fuhren – fast immer in Sichtweite des Kvaløya umschlingenden Meeres.
Interessant und felsig, was uns die Landschaft bot. Wenig Bäume, so gut wie keine Wälder. Ab und zu die von den Norwegern für das Wochenende und den Urlaub geliebten Holzhütten; die größeren Hütten stellten ganz normale Wohnhäuser dar. Etwas weiter vom Meer entfernt lagen Lachszuchtstationen im Wasser.
Die bekannte Aquakultur, die nicht immer ein Segen für Meer und Fjorde ist.
Im Hintergrund erkannten wir eine höhere Bergkette mit restlichen Schneefeldern. Unsere Blicke gingen nicht nur in die Ferne – auch nach unten. Denn wir befanden uns in der Gegend mit vielen Rentieren. Vereinzelt standen sie neben der Straße und schauten uns interessiert an – Touristwatching … Wir bekamen frühzeitig mit, wenn Rentiere in Sicht waren. Der Bus wurde dann langsamer. Rentiere haben in Norwegen die eingebaute Vorfahrt.
Nach einer knappen Stunde abwechslungsreicher Landschaftsfahrt gab es den ersten Fotostopp.
Direkt hinter dem 2.298 m langen Stallogargotunnelen und vor der Kvaløya mit dem Festland verbindenden, 741 m langen Kvalsund-Brücke. Sie gilt als nördlichste Hängebrücke der Welt. Wir querten die Brücke und erreichten nach wenigen Kilometern den Repparfjord und den Ort Kvalsund mit einem kleinen Hafen,
in dem neben einigen Sportbooten Fischerboote lagen. In deren Sicherweite hielten wir; Grund des Stopps war aber nicht der Hafen sondern ein Felsbrocken.
Der Leirbukt-Stein mit einem vor 4.000 bis 6.000 Jahren nach den damaligen Vorstellungen erschaffenen Gemälde. Felsritzungen, die viele tausend Jahre überstanden hatten. In diesem Fall schuf der Künstler ein Rentier mit Geweih. Beeindruckend, was aus der damaligen Zeit noch vorhanden ist. Und nicht mit Graffitis verschmiert …
Nach einem kurzen Aufenthalt rund um den Stein fuhren wir am Repparfjord entlang. Auf beiden Seiten des Fjords sahen wir in Ufernähe Häuser;
dahinter zeigten sich steinige flache Anhöhen. Am Fjordende bei Oldernes bog unser Bus ins Landesinnere und folgte dem Lauf des in den Fjord mündenden Repparfjordelva. Wir sahen viel Gegend – arktische Gegend, die zeigte, was sie ausmachte: Berge, Tundra, raue, von der Eiszeit geprägte Täler, durch die sich viele Flüsse schlängeln. Wie der Repparfjordelva, der sich beim Örtchen Skaidi (aus dem Samischen übersetzt: Das Land dazwischen, wo die Flüsse zusammenfließen) mit einem weiteren Flüsschen, der Skaidelva, vereint. In dieser ansonsten einsamen Gegend ein Paradies für Angler, die hoffen, mit Lachsen und Meerforellen große Beute zu machen. Für viele Reisende war und ist Skaidi ein wichtiger Knotenpunkt. Zwei bedeutende Straßen treffen aufeinander – die Nord-Süd-Verbindung Norwegens und die nach Hammerfest. Insofern findet man in diesem Ort die nötige, wenn auch übersichtliche Infrastruktur: Tankstelle, Logies, Restaurant. Bedeutend mehr nicht. Und hier sind wir gestrandet. Okeh, die uns gebotenen Waffeln und der Kaffee waren sehr gut, aber ansonsten gab es nichts zu besichtigen. Kein Wunder, dass alle für die Rückfahrt pünktlich im Bus saßen.
Zurück zum Schiffe nahmen wir dieselbe Streckenführung wie auf der Rückfahrt. Also entlang des Flusslaufes bis Oldernes, dann am Repparfjord entlang bis zur Kvalsund-Brücke,
hinter der wir vor dem Stallogargotunnelen stehen blieben. Die nicht anfassbaren possierlichen norwegischen Vierbeiner standen als Fotomodelle am Rande der Straße.
Uns störten sie nicht – allerdings waren manche Autofahrer nicht begeistert, da sie ihre hurtige Fahrt verlangsamen mussten. Bis zum Schritttempo … Die Rentiere kannten nicht die Regeln des Straßenverkehrs und blieben stocksteif stehen. Ach nee – sie kannten sie doch: Rentiere haben in Norwegen die eingebaute Vorfahrt … Im Jahre 2014 nahmen sie von Ihrem Recht Gebrauch. Es war Sommer und sehr heiß mit viel Ungeziefer. Was machte eine sich in der Nähe aufhaltende Rentierherde? Sie suchte Kühle und floh in den Tunnel. Der Tunnel wurde gesperrt und die Autofahrer guckten in die Röhre. So lange bis Rentierhalter mit Unterstützung der Behörden die Tiere vertrieben hatten. Um diese Vorfälle zu vermeiden, wurden Viehgitter vor den Tunnelöffnungen im Boden eingebaut. Aber Rentiere sind nicht blöd – sie tricksen immer wieder diese Gitter aus und machen es sich im Tunnel gemütlich.
Nun hinein in den Tunnel – nicht die Rentiere sondern wir per Bus. Uns kamen zum Glück keine Rentiere entgegen. Nach dem Tunnel setzte sich die karge arktische Landschaft fort. Trotz der Einsamkeit lockerten immer wieder Hütten die Gegend auf.
Nicht schlecht – das Haus am See könnte uns auch gefallen. Wenn nur nicht die langen dunklen Monate wären …
Rechtzeitig zur Mittagszeit kamen wir vor unserem Schiff an. Ein kurzer Snack und danach machten wir uns wieder auf den Weg. Ein kostenloser Shuttle brachte uns ins Stadtzentrum und wir schauten uns rundherum ein wenig um.
Zunächst wurden wir daran erinnert, dass Hammerfest eine besondere Verbindung zum Meer hatte.
Packeis, durch das ein Segelschiff pflügt. Seit 1989 macht diese Skulptur aufmerksam, dass früher die Fischerei eine tragende Säule der Stadt war. Das 200jährige Stadtjubiläum war Anlass zur Schaffung dieses modernen Denkmals.
Endlich – wir sahen Eisbären in der Stadt der Eisbären. Mussten gut genährte Vasco-Touristen Angst haben, von gierigen weißen Ungeheuern verfolgt zu werden? Nein, wir mussten keine Muffensausen haben – sie waren nicht lebendig und auch nicht tot. Einfach nur Standbilder – ganze zwei vor dem Rathauseingang.
Und ein weiterer über die beiden schwebend – im Wappen der Stadt Hammerfest. Das war´s aber nicht mit Eisbären – wir fanden sie als Tapsen auf dem Weg zum Hurtigrutenkai, als Abbildung auf Gullideckeln und am Hydranten. Undundund … Wie kam die Stadt zur Ehre als Eisbärenstadt bezeichnet zu werden? Vor vielen Jahrzehnten war Hammerfest der Ausgangspunkt für Schifffahrten nach Spitzbergen, wo Eisbären gejagt wurden, was glücklicherweise inzwischen verboten ist.
Ein Hauptanziehungspunkt ist der der Touristeninformation angeschlossene Eisbärenklub, genauer: Isbjørnklubben. Nok 200,-- muss man einmalig löhnen, um lebenslanges Mitglied in diesem außergewöhnlichen Klub zu werden. Dafür erhält man eine vom Bürgermeister unterschriebene Urkunde, eine Anstecknadel und einen Aufkleber. Gegründet wurde der Klub 1963; wir hatten die Mitgliedschaft zum 50. Jubiläum des Isbjørnklubben erworben und gehören ihm neben mehr als 288.000 Eisbärenfans an.
Direkt um die Ecke bewunderten wir einen schönen Brunnen,
ein Geschenk des ehemaligen US-Botschafters in Norwegen. Seine Mutter stammte aus Hammerfest. Die Skulptur trägt den Namen „Mutter und Kinder“ und stellt die Mutter des Botschafters mit ihren vier Kindern dar.
Alles, was um uns herum gebaut worden war, wurde vorwiegend in den letzten 70 Jahren errichtet. Ältere Häuser, z.B. aus Jugendstilzeiten, sahen wir in Hammerfest nicht. Aufgrund des unsinnigen Befehls „Verbrannte Erde“ machte die deutsche Wehrmacht kurz vor Kriegsende die Stadt dem Boden gleich. Bis auf die Friedhofskapelle, die älteste Kirche der Stadt. Sie allein blieb von sämtlichen Gebäuden erhalten. Nach dem Krieg begann der Wiederaufbau. Jede Menge Zweckbauten, aber auch kleine Gassen mit gemütlichen Holzhäusern. So wie die, durch die wir in Richtung Kirche schlenderten. Und schon standen wir vor der 1961 geweihten lutherischen Kirche.
Von außen erinnerte das Kirchenschiff an die Trockengestelle für Stockfische. So wie ein Nurdachhaus. Passt auch zum Norden. Im Inneren - wie im hohen Norden üblich – Licht durchzogen und einfach. Besonders faszinierten die Glasmosaiken hinter dem Altar mit dem Thema Auferstehung sowie die Glasmosaike in den Kirchenwänden mit verschiedenen christlichen Symbolen.
Nachdem wir bereits beim Schlendern durch die Hauptdurchgangsstraße einige den Verkehr behindernden Rentiere gesehen hatten, liefen uns weitere auf dem Weg zum Shuttle-Bus über den Weg. Oder sie ließen es sich auf den Rasenflächen schmecken.
Von uns nahmen sie keine Notiz – wir beeindruckten sie nicht, kamen ihnen aber auch nicht zu nahe. Wie würden wir reagieren, wenn man uns am Abend im Restaurant beim Essen stört?
Nachdem uns der Shuttle-Bus zurück zum Schiff brachte, suchten wir ein Weltkulturerbe auf.
Nein, nicht die Vasco da Gama. Vielmehr die Meridiansäule, die seit 1856 dort steht. Eine bronzene Kugel auf einem Granitsockel. Sie erinnert an die von 1815 bis 1852 erfolgte Vermessung der Erde von diesem Punkt bis zur Stadt Ismail an der 2.872 km entfernten Donaumündung. Größe und Form der Erde wurden mit dieser Messung mehr und mehr verifiziert.
Das war´s dann für uns von Hammerfest – nur einige Minuten später standen wir vor unserem Schiff. Und tatsächlich – wir schafften es an diesem Hafentag, rechtzeitig zu Kaffee und Kuchen zu erscheinen. Und pünktlich zum Auslaufen kurz vor 16 Uhr. Logisch, dass wir einen Tisch im Außenbereich ergatterten und mitbekamen, wie sich unsere Vasco da Gama lange zwischen den Inseln Sørøya und Seiland Richtung Nordmeer bewegte.
Am Abend unterhielten wir uns lange in einer Bar mir unseren Bekannten, die mit uns im Mietwagen das Nordkap besucht hatten.