
15. Oktober 2019
Aber nicht so schnell mit den „jungen“ Pferden – die einstmals heiligen Stätten befanden sich nicht direkt am Meer sondern mussten mühevoll vom Hafen Katakolon aus erreicht werden. Aber alles nach und nach …
Unser erster Eindruck von diesem kleinen Küstenort: Oh Gott, war das laut! Nein, der Krach kam nicht vom Land. Das erkannten wir, als wir durch mühsam geöffnete Augen aus den Bullaugen schauten. Kein Land in Sicht … Das Schiff machte sich lauthals bemerkbar mit den für die AIDAcara beim Anfahren eines Hafens typischen Schiffsreaktionen durch Motoren und Wellengang. Für uns war um 5.30 Uhr die Nacht vorüber … Und abermals ein Blick durch die Bullaugen: Es war noch immer stockdunkel.
Ich war wach und machte mich nach dem Üblichen Richtung Rezeption auf, wo ich unsere Unzufriedenheit über die Lärmsituation mit der Bitte um „Änderung“ hinterließ. Der nächste Weg führte zum Kaffeespender. Heißer, starker Kaffee – er musste sein … Dann nach draußen. Es war frisch und noch immer nicht ganz hell. Der um das Hafengebiet ausgebreitete 300-Seelen-Ort Katakolon war gut zu erkennen. Wenig Action bis auf einige Ausflugsbusse, die die ersten früh aufgestandenen Ausflügler in die Umgebung transportieren sollten. Weiter weg vom Ort ein sich auf dem Festland im Dunst erstreckender Bergrücken.
Davor Hügelstränge in unterschiedlichen Grüntönen, die im Dunst regelrecht mystisch erschienen. Über dem Meer eine Wolkenwand mit Rotfärbung am oberen Rand. Das konnte werden … Und es wurde. Das Rot intensivierte sich. Und sie kam – die runde Scheibe, die höher und höher stieg. Ein wunderschöner Sonnenaufgang. Auf der anderen Seite der kleine Ort.
Nach dem je ersten Tief- und auch Höhepunkt war Frühstückszeit. Dieses Mal unter einem gewissen Zeitdruck, denn wir wollten den Zug nach Olympia nicht verpassen. Also runter vom Schiff und auf zum Bahnhof. Na ja, zu den Gleisen. Es waren tatsächlich zwei Gleise vorhanden, von denen nur eins in Gebrauch war. Bahnhofsgebäude? Gab´s vielleicht ´mal vor langer Zeit. Dafür eine winzige Fahrkartenverkaufsbude, bei der wir zwei Fahrkarten erwarben (Hin- und Rückfahrt € 10,-- p.P.; ein Taxifahrer bot uns die Fahrt für vier Personen incl. Aufenthalt für € 60,-- an). Bis zur Abfahrt des Zuges um 10 Uhr war genug Zeit, die Hafengegend zu erkunden. Ein typischer südländischer Hafen. Einige Fischer- und Sportboote dümpelten vor sich hin.
Insgesamt nicht sehr fesselnd und so verzogen wir uns zum Bahnsteig, um auf den Zug zu warten. Er kam! Warum auch nicht?! Alle Wartenden stiegen ein und pünktlich ging´s los. Zunächst in der Wohngegend nur langsam mit permanentem Gehupe; auf freier Bahn mit Vollgas und zeitweiligem Gleisgehüpfe. An uns zogen Häuser vorüber. In vernünftigem oder auch zerfallendem Zustand. Und erstaunlich viel Grün. Unzählige Olivenbäume. Thujas, Zitrusbäume, Hibiscus und überraschenderweise viele Schilfgürtel. Ein Zeichen, dass relativ viel Wasser von oben kam. Unser Zug hielt in Pyrgos. Eine Kleinstadt, die aufgrund unserer Beobachtungen aus der Bahn heraus keinen Besuch wert war. Ein riesiges Fabrikgelände mit verrosteten Silos. Hingucker waren verschiedene, fast antiquierte Eisenbahnwagons und auch Triebwagen, bei denen das Nagen der Zeit großen Erfolg gehabt hatte. Dann nicht gerade attraktive Wohngebäude. Erst nach Verlassen der Innenstadt auftauchende Villenviertel gefielen uns. Dort könnte man es aushalten, auch abseits des Meeres.
Und dann kamen wir in Olympia an. Ein Bahnhof mit schmuckem Gebäude. Hindurch … und wohin mussten wir uns wenden? Nach wenigen Minuten fanden wir die Wegweiser. Vorbei an einem mit zum Glück noch wenigen Reisebussen gefüllten Parkplatz erreichten wir das Welterbe Olympia. Im Museumsgebäude hinterließen wir unseren Obolus (Erwachsene € 12,--; ab 65 Jahren € 6,--). Und dann hinein in die Trümmerwelt. Wer erwartete, dass die alten Gebäude und Tempel vollständig restauriert waren, war fehl am Platze. Die Seiten der Bauten waren mit Säulen oder auch Säulenfüßen bzw. recht exakt behauenen Steinblöcken angedeutet; Schautafeln gaben dazu nähere Erläuterungen.
Das Olympia der Antike hat nichts mit dem heutigen Städtchen Olympia zu tun. In der Antike gab es keine Ortschaft mit dieser Bezeichnung; es existierte damals an diesem Flecken eine Kultstätte. Ein Heiligtum incl. geistigem Zentrum. Entstanden ist es nach einer Idee des Königs einer der zahlreichen, untereinander spinnefeinden Stadtstaaten, ein Treffen mit Sportwettkämpfen zu Ehren von Zeus zu veranstalten. In dieser Zeit mussten die Waffen ruhen. So kam es und im Jahre 776 v. Chr. fanden die ersten Olympischen Spiele statt. Sie wurden alle vier Jahre veranstaltet; selbst in der Zeit der römischen Besetzung wurde nicht auf sie verzichtet. Bis im Jahre 393 n. Chr. der römische Kaiser Theodosius die Spiele als Widerspruch zu der von ihm eingeführten Staatsreligion Christentum und als heidnischen Kult verbot. Die vermeintliche Götzengegend verfiel; ein Erdbeben machte im 6. Jahrhundert der einstigen Pracht das Garaus. Die Natur übernahm das Zepter und Ablagerungen zweier Flüsse bedeckten alles mit einer fünf Meter dicken Schlammschicht. Vergessen … bis zu den ersten Ausgrabungen im Jahre 1829 durch ein französisches Forschungsteam, die ab 1875 unter Aufsicht des Deutschen Archäologischen Instituts systematisch weitergeführt wurden.
Was freigelegt und puzzlemäßig zusammengesetzt worden war, wollten wir besichtigen. Also hinein in die „Trümmerwelt“. Der griechische Teil begann direkt hinter dem Eingang zum Kultgelände. Die Überreste des Gymnasiums lagen vor uns.
In den guten alten olympischen Zeiten stellte dieser Teilkomplex ein 120 m x 220 m großes Gebäude mit zentralem Hof und Säulenhallen dar. In ihm schwitzten die Wettkämpfer und bereiteten sich auf die Disziplinen Diskuswurf, Laufen und Speerwerfen vor.
Unmittelbar dahinter sahen wir die Reste des mit 66 m x 66 m wesentlich größeren Palaestra.
Die Vorfahren von Max Schmeling und Uwe Neupert machten sich in dieser heiligen Halle fit, um den begehrten Ölzweig zu erringen. Ob die Sportler der Neuzeit ihn auch im Adamskostüm entgegengenommen hätten? Seit ca. 400 v. Chr. war es Usus, dass Sportler und auch Trainer unbekleidet die Wettkämpfe bestritten bzw. coachten. Ach ja – nur der Sieger wurde geehrt – für Zweit-, Dritt-, …-plazierte war es eine Schmach zu unterliegen. Letztere versuchten, möglichst unbemerkt die Stätten zu verlassen, um Schmähungen zu entgegen. Harte Zeiten …
Vorbei an zahlreichen Säulen und Mauerresten (Ich gab übrigens das Zählen der Säulen auf …) erreichten wir die Werkstätte des Bildhauers Pheidias, der aus Gold und Elfenbein die riesige Zeusstatue geschaffen hatte. Irgendwann hatte die Werkstatt ausgedient und auf und aus ihren Resten wurde eine byzantinische Kirche errichtet.
Die olympischen Spiele der Vorzeit und natürlich auch die Masse der Priester lebten von den Zuschauern, die entsprechend untergebracht werden mussten. Das einfache Volk übernachtete irgendwo in der Gegend der Kultstätte. Die Hautevolee selbstverständlich dort, wo es nicht weit zu den verschiedenen Veranstaltungsräumlichkeiten war. Also mitten in Olympia. Ein mächtiger Bau war diese Promiunterkunft Leonidaion. 75 m x 81 m mit 900 m² großen Innenhof. Man war unter sich und gönnte sich ja sonst nichts …
Bislang bewegten wir uns auf profanem Gebiet. Dann wurde es heilig. Hinter Mauern befand sich der sakrale Bezirk, die Altis, mit Mauern von dem nicht geweihten Gelände getrennt. Hier befand sich das Allerheiligste, der Zeustempel. Ganz schön mächtig. 64 m lang, 28 m breit und 20 m hoch.
Groß genug, um die ca. 12 m hohe, auf einem Thron sitzende Statue des Zeus richtig zur Geltung zu bringen. Eins der sieben Weltwunder der Antike. Wie die meisten der anderen sechs Weltwunder verschwand die Statue irgendwann. Wohin, weiß niemand. Im Gegensatz dazu blieb – auch unter Berücksichtigung mehrerer Reparaturen – der Tempel 1.000 Jahre bestehen bis ihn ein Erdbeben im 6. Jahrhundert n. Chr. zerstörte. Auch die auf dem Foto abgebildete Säule lag danach Jahrhunderte in der Gegend herum bis sie im Jahr 2004 anlässlich der Olympischen Spiele in Athen wieder aufgerichtet wurde.
Dass Griechenland zeitweilig römische Provinz war und sich Olympia auch nicht den römischen Eigenarten entziehen konnten, sahen wir am Haus Neros.
In dieser Villa mit 30 Räumen fühlte sich der römische Kaiser Nero während der Spiele im Jahre 67 n. Chr. sauwohl. Seinetwegen wurde die Veranstaltung um zwei Jahre vorverlegt. In bester Manneskraft und ausgestattet mit 1 Mio. Sesterzen schaffte es der Chef Südeuropas, x-fache Siege einzuheimsen. Auch wenn er ohne Sesterzen nach Rom zurückkehrte. Aber dafür mit jede Menge Ölbaumzweigen. Wie konnte Nero siegen? Kein Problem – er ließ sesterzenunterstützte musische Disziplinen ins Programm setzen. Wer außer ihm konnte in diesen Fachgebieten siegen?! Auch im Wagenrennen tat sich Nero hervor. Er trat im Zehnspänner an, flog aus der Kurve konnte nach dem Sturz das Rennen nicht mehr fortsetzen. Trotzdem gewann er das Rennen. Wie denn das? Ganz einfach – außer ihm trat niemand an … Irgendwie erinnern mich diese Vorgehensweisen an die der Olympischen Spiele der Neuzeit mit der herbei gerufenen Jugend der Welt …
Es wurde ernst. (Noch) gemessenen Schrittes gingen wir erhobenen Hauptes durch das Gewölbetor
ins Olympiastadion. Und wer lag dort uns motivierend im Schatten der Mauer? Ein fauler Hund …
Nicht ermutigen lassen und ran! Die ersten Athleten machten sich startbereit.
Aber was war denn das?! Nicht stilgerecht! Mit Schuhen und Freizeitkleidung. Das konnte nichts werden. Wie sollten sie ein Stadion im Sprint schaffen?! Nur zur Erinnerung: 1 Stadion = 600 antike Fuß = 192 m. Und logisch: Die Sportler schafften diese paar Meter nicht. Nach dem Start bremsten sie unvermittelt ab. Fehlstart! Und Disqualifikation. Schon hatte ich keine Gegner mehr. Und trat nicht an. Denn so wie Nero wollte ich nicht gewinnen … Ach ja – bereits damals war dieses Olympiastadion bundeligareif. Bis zu 40.000 Zuschauer konnten von den Erhöhungen um die Sportstätte die Sportler anfeuern. Natürlich gab es auch eine VIP-Tribüne: Reste sind auf dem Foto rechts zu sehen. Dort hielten sich die natürlich unbestechlichen Schiedsrichter, Prominente und Beamte (warum die???) auf.
Das, was wir bisher sahen, hatte uns stark beeindruckt. Aber das war noch nicht alles. Auf dem Weg zum Ausgang war noch einiges zu bestaunen. Zunächst die Schatzhäuser (keine Vorgänger von Banken!).
Sie waren als kleine Tempel angelegt. In ihnen bunkerten die verschiedenen griechischen Stadtstaaten ihre heiligen Gefäße sowie die Waffen und sonstige Gegenstände, die für die Wettkämpfe nötig waren. Dopingmittel? Und gab es schon damals Angst vor Manipulation?
Auf unserem weiteren Wege zeigte sich die berühmte alte Wertarbeit – der auf dem Gelände älteste Tempel war am besten erhalten!
Erbaut wurde der zunächst Zeus und Hera gewidmete Tempel im 7. Jahrhundert v. Chr; nach der Fertigstellung des ungleich bombastischen Zeus-Tempels wurde im sogenannten Heraion nur noch Hera angebetet. Hatte sie es wirklich verdient? Hera war doch bekanntlich Ehefrau und Schwester des Zeus … Sodom und Gomorrha … Vorbildfunktion? Aber es steht noch einiges auf dem 50 m x 18,75 m großen Fundament …
Fünf Jahre vor der Issus-Keilerei schlug Philipp II von Makedonien bei Chaironeia die griechischen Stadtstaaten vernichtend. Dieses dokumentierte Philipp und ließ im heiligen Olympia das sogenannte Philippeion errichten.
Im Vergleich zu den anderen Tempeln war dieser Bau richtig klein. Ein Radius von 7,62 m reichte Philipp bei dieser Behausung, in der nach Fertigstellung fünf Statuen seiner Familie aufgestellt wurden. Viel hatte Philipp nicht davon, denn er starb im Jahre des Baubeginns. Sein Sohn, der große Alexander, ließ den Rundbau fertig stellen.
Wir hatten genug. Genug von den Trümmern. Nicht, dass wir die Nase voll hatten. Aber das Gehirn – voll mit Eindrücken über die damaligen Gegebenheiten auf einem enorm weiten heiligen Gelände. Auch aus diesem Grunde schenkten wir uns den Besuch des Museums (im Eintrittspreis enthalten) und schauten uns nur einige meist kopflose Statuen im überdachten Außenbereich an. Nach knapp zwei Stunden machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof und erfreuten uns an der Haupttouristenstraße Olympias. Nein, ich weniger – eine Touristenkultstätte neben der anderen. Oftmals voneinander getrennt durch Restaurants, bei denen die Mitarbeiter die Passanten gezielt ansprachen. War ich froh, als wir den Bahnhof erreicht hatten und im Zug saßen … Pünktlich fuhr er ab und pünktlich kam er in Katakolon an. Fast wie in Deutschland …
Zunächst besuchten wir die Kirche St. Nikolaus.
Klein, aber fein und wie so oft in Griechenland im Grundton weiß mit hellblauen Elementen. Das Innere war typisch orthodox: bunt und gediegen.
In dem Ort selbst begann das Spießrutenlaufen. Es gab zwei parallel zum Hafengebiet verlaufende Straßen. Die dem Hafen am nächsten gelegene war gefüllt. Links und rechts mit Läden, bei denen sich die Angebote konsequent wiederholten. Vor und in den Läden Menschentrauben. Ein Sprachengewirr. Grund: Als wir Richtung Olympia fuhren, hatten zwei Kreuzfahrthochhäuser in Katakolon angelegt. Die Costa Luminosa und die MSC Magnifica. Wir kämpften uns durch die Hauptstraße, erfreuten uns in Nebenstraßen an der Blumenpracht
und kamen tatsächlich bei unserem Schiff an. Noch rechtzeitig zur Kaffeestunde, da wir uns die letzte Ladenzeile geschenkt hatten.
Nach einer kleinen Stärkung mit Pizzaecken sowie Kuchen und Wiederbelebung der Lebensgeister durch Kaffeeinfusionen begaben wir uns nochmal an Land in ein kurzes, aber schweißtreibendes Abenteuer. Auf dem sich hinter Katakolon erhebenden Hügel befand sich ein Ausflugslokal, das einen tollen Blick auf Ort und Hafen versprach.
So war es auch … einfach herrlich. Wenn nur nicht die beiden fremden Schiffe den Ausblick eingeschränkt hätten …
Zurück auf dem Schiff wurde erste einmal gegammelt. Am Abend stärkten wir uns im Selection-Restaurant. Das 3-Gänge-Menue zum Preis von € 14,90 war jeden Cent wert. Sehr gut und angenehm für Gaumen und Augen. Und wir wurden satt. Voll satt. Ein Grund, freie Stühle auf dem Pooldeck zu suchen und zu finden. Es füllte sich nach und nach, denn die immer wieder beliebten AIDA-Klassiker Schlagergranaten und Alpenglühen standen an. Der Anfang war recht zäh, doch die Stimmung kam plötzlich. Feierstimmung, an der wir nur anfangs teilnahmen. Ich erinnere: War waren dank des Schiffslärms seit 5.30 Uhr wach … Ach ja, es lag eine Kabinennachricht vor: Eine freie Alternativkabine stand nicht zur Verfügung … tolle Aussichten …
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