
Nein, nicht wir gingen mit Kristiansund stiefmütterlich um – im Moment noch die Kreuzfahrtreedereien. Im Jahr 2025 gab es nur 22 entsprechende Anläufe – Bergen hat diese Anzahl in einer Woche. Woran liegt dieses derzeit geringere Interesse? An der Stadt? Am nicht so interessanten Umland? An der noch nicht gut vorhandenen Touristikinfrastruktur? Wir können diese Frage nicht beantworten, waren allerdings nicht unfroh, dass wir bereits um 15 Uhr wieder Leine zogen. Denn den für uns einzig attraktiven Ausflug zur Atlantikstraße hatten wir bereits vor drei Jahren hinter uns gebracht – er lohnte sich. So nahmen wir uns aufgrund des relativ kurzen Aufenthalts an diesem Tag die Stadt vor.
30. Juli 2027 – Kristiansund
Kristiansund, eine auf vier Inseln liegende Stadt, hat ca. 18.500 Einwohner. Als sie Mitte des 18. Jahrhunderts das Stadtrecht erhielt, war die Stütze der Wirtschaft der Holzhandel. Aufgrund der Lage verdiente man außerdem vom Fischfang; Hering und Kabeljau waren die hauptsächlichen Wirtschaftsgüter, später auch der Klippfisch mit Export Richtung Südeuropa. Auch ein Grundpfeiler des Wirtschaftslebens bestand in der Fischverarbeitung; dazu kamen insbes. nach dem zweiten Weltkrieg Werftindustrie incl. Wartung von Bohrinseln sowie Werkzeug- und Maschinenbau. Und das alles in einer Stadt, die von einer unvergleichlichen Natur umgeben ist.
Schade, diese unvergleichliche Natur konnten wir bei unserer Kurzbesichtigung nur ahnen. Und bei dem frühen Nähern an die Stadt hinter dem Häusergewimmel sehen.
Ansonsten glich Kristiansund anderen norwegischen, am Meer gelegenen Städten. Neubauten direkt am befestigten Ufer. Aber gut anzusehen, denn die Gebäude in der ersten Reihe sahen nicht monoton aus. Aufgelockert aufgrund verschiedener Stilarten. Die Häuser in der zweiten Reihe waren nicht ganz so hoch; hügelaufwärts sahen wir viele schmucke, bunte Einfamilienhäuser.
Immerhin sahen wir keine Hochhäuser auf der Stadtinsel Nordlandet. Das hätte sich bestimmt der Hausherr der etwas mehr als 100 Jahre alten Steinkirche verbeten; vor allen Dingen, wenn das Haus den Kirchturm überragt hätte …
Bei unserem frühzeitigen Morgenkaffee auf dem Oberdeck fiel uns ein kleines zwischen den Inseln hin und her pendelndes Schiffchen auf.
Die 1908 erbaute Framnæs, die im Auftrag des kommunalen Unternehmens Sundbåten den kostenlosen Personennahverkehr zwischen den Inseln übernommen hat. Eine kostenlose Minikreuzfahrt? Wie geschaffen für mittellose Kreuzfahrer … grins …
Also runter zum Schiff zur in Sichtweite liegenden Anlegestelle der Framnæs. Wir waren wohl nicht die einzigen mittellosen Kreuzfahrer … eine werweißwie lange Menschenschlange … Zu gefühlt 80 % Touristen, die bei der Ankunft des Pendelschiffchens selbstverständlich den Einheimischen den Vortritt lassen mussten. Und wir schauten in die bekannte Röhre. Kurz bevor wir an der Reihe waren, war das Schiff voll. Warten? Nee – wir verschoben das Kreuzfahrtchen und begannen eine Stadtrunde. Weit kamen wir zunächst nicht, denn wir mussten einem der Wahrzeichen Kristiansunds unsere Aufwartung machen. Der Klippfiskkjerringa,
übersetzt Klippfischfrau. Mit dieser Skulptur wurden die unzähligen Frauen geehrt, die jahrhundertelang bis in die 1950er Jahre zum Wohlstand der Stadt beitrugen. Nicht nur die Frauen, auch die Jugend war vornehmlich in der Fischerei beschäftigt. Wie der der Klippfiskkjerringa gegenüberstehende Sildegutten (Herings-Junge), der wie viele andere im Hafen mit Heringsbündeln herumlief. Spätestens an dieser Stelle erkennt man, dass in früheren Zeiten das Gedeihen der Stadt auch auf dem Gold des Meeres beruhte.
Nun aber weiter am Hafen entlang. Ein wenig abseits vom Wasser fanden wir ein repräsentatives Haus –
das von den Haandverkerforeningen. Es hat inzwischen fast 200 Jahre unter dem First und steht seit 1906 im Eigentum der Handwerkervereinigung. In früheren Zeiten wurden in ihm Treffen der Freimaurerloge, der Seeleute der Handelsmarine, des örtlichen Geschichtsvereins abgehalten. Welche Zünfte von der Vereinigung u.a. vertreten wurde, wurde neben dem Haupteingang gezeigt:
Tischler, Klempner, Blechner, Glaser, Maurer, Maler, Teigmacher, Bierbrauer, Urinmacher (??? – passt zum Bierbauer …), Juwelier, Schuhmacher, Gerber, Barbier, Schmied, Seiler, Buchdrucker, Schornsteinfeger, Segelmacher, Sattler, Möbelbauer.
Einige Meter weiter standen wir vor einem Sporthafen.
Am Rand dieses Sporthafens können Interessierte gut erhaltene Reste einer vor 170 Jahren gegründeten Werft besichtigen, die im Mellemvæ Schiffswerftmuseum zur Schau gestellt werden. Wir nahmen uns nicht die Zeit, denn wir wollten noch mit der Framnæs zum Inselhopping. Also zurück und wir gingen an sehr schönen althergebrachten Holzhäusern vorbei.
Zunächst am Smia Fischrestaurant, das in 1787 errichteten Räumlichkeiten Gäste verwöhnt. Wir haben im Nachhinein erfahren, dass in den Gasträumen uralte Gegenstände drapiert wurden. Schmiedezangen, Gussformen, maritime Ausrüstungsgegenstände. Sie dürften nicht die Gründe sein, dass das Restaurant zweimal als eins der besten Norwegens erwählt wurde.
Direkt um die Ecke wurde es bunt – Kontraste, wie wir sie in Holzhausvierteln – seien sie noch so klein – gerne haben.
Und Ähnliche wollten wir in den folgenden Stunden sehen. Nachdem wir mit der Framnæs auf die kleinste Insel des Stadtgebietes, Innlandet, übergesetzt hatten.
Nach dem 2. Weltkrieg waren große Teile von Kristiansund dem Erdboden gleichgemacht. Innlandet hatte großes Glück – diese Insel blieb weitgehend unversehrt und somit der alte Ortskern so gut wie erhalten.
„Empfangen“ wurden wir vom direkt am Anleger um 1700 erbauten heutigen Café und Restaurant Dødeladen,
seinerzeit als Bootshaus für das daneben liegende Zollhaus vorgesehen. Wenn man zurückdenkt, wozu Dødeladen in den vergangenen Jahrhunderten genutzt wurde: Wein- und Spirituosenhandel, Bäckerei, Lebensmittelgeschäft, Sonntagsschule, Versicherungsbüro, Kegelbahn, Tanzsaal, Trainingsraum des Boxclubs, Schusterwerkstatt … ein für viele Zwecke nutzbares Gebäude. Nun aber hinein in das saubere Holzhausgewimmel. Vorbei an einem zwischen weißen Häusern liebevoll angelegten und gepflegten Garten, in dem ich meine Wäsche zum Trocknen abgab,
hechelten wir bergauf. Die Anstrengung lohnte sich, denn die Blicke auf die Inseln Gomalandet und Nordlandet mit der unverwüstlichen Framnæs im Sund lohnten sich.
Schließlich erreichten wir das Ziel unserer Wanderung – die mit 64 m über den Meeresspiegel höchste Erhebung mit einem sieben Meter hohen Bautastein. Ein Denkmal, das mit Nationalflaggen, Kanonenkugeln und Kanonen vervollständigt wurde.
Nein, die Kanonen sollten nicht die Vasco da Gama abwehren. Vielmehr wird mit diesem Denkmalensemble an die napoleonische Zeit gedacht. Damals stand Norwegen mit Dänemark an der Seite der Franzosen. Dieses hatte u.a. zur Folge, dass im Juli 1808 England mit Kriegsschiffen Kristiansund einnehmen wollten. Die Engländer hatten nicht mit der starken Gegenwehr der Norweger gerechnet – die Kriegsschiffe wurden stark beschädigt und zogen sich zurück. Das große Norwegen hatte damit dem kleinen Empire eine Lektion erteilt, woran sich die Einwohner der Stadt jedes Jahr zum Nationalfeiertag 17. Mai erinnern.
Auch für uns war es Zeit zum Rückzug und zur Fortsetzung des Inselhoppings. Aber Pustekuchen – am Pier angekommen gab es einen Menschenauflauf. Die Framnæs kam, schluckte zunächst die Einheimischen für die Fortsetzung der Fahrt und vor uns Stehende. Wir schauten erneut in die Röhre und mussten bis zur nächsten Abfahrt ca. eine Stunde warten, denn der Kapitän machte von seinem Recht auf Mittagspause Gebrauch. Und so liefen wir noch ein wenig herum, immer die Anlegestelle im Visier, um bei größerem Andrang wieder schnell zur Stelle zu sein. Wir schauten uns das zur damaligen Slipanlage Furseth gehörenden Wohnhaus an.
Die Betriebsanlagen und -räume der alten Bootswerft und Maschinenwerkstatt hatten vor Jahren das Zeitliche gesegnet.
So, beim nächsten Anlaufen der Framnæs durften wir an Bord. Das Schiffchen fuhr die Insel Nordlandet an.
Einige Passagiere verließen das Boot, andere ersetzten sie – wie es aussah vorwiegend Mitreisende der Vasco da Gama. Danach war die Hauptinsel Kirklandet an der Reihe. Dort, wo unsere Vasco da Gama angetäut war. Vom Boot aus betrachteten wir das Panorama der noch fehlenden Insel Gomalandet, geprägt von alten, teilweise in einen vernünftigen Zustand gebrachten Lagerhäusern direkt am Wasser. Der Vergangenheit geschuldet, hatte man in einem der Klippfisch- und Salzlager das aus dem Jahre 1749 stammende Klippfisch-Museum Milnbrygga untergebracht, in dem der Besucher umfassend über den Klippfisch informiert wird.
Uns fiel ein Gebäude besonders auf:
Ein Lagerhaus, auf dessen Fenstersimsen sich unzählige Vögel möwenwohl fühlten. Attraktiv sah dieses ehemalige Salzlager nicht aus. Das wird mit Sicherheit nicht so bleiben, nachdem es vor einigen Jahren u.a. von einem Unternehmen aus dem Dunstkreis von Ole Solskjær’s erworben wurde. Für schlappe Nok 2 Mio. Ältere Fußballfans, fällt der Groschen? Der in Kristiansund geborene Fußballspieler und Trainer – aktiv bei Manchester United – wird es in den kommenden Jahren bestimmt in einen vernünftigen Zustand bringen lassen.
Schade, der nicht eingeplante längere Aufenthalt auf Innlandet führte dazu, dass wir nicht die komplette Rundfahrt erleben konnten. Die Zeit lief uns davon … also rauf auf unsere Vasco da Gama und fertig machen zum Auslaufen um 15 Uhr. Wir schauten zurück auf die zwei Stadtinseln verbindende Nordsundbrua und die unverwüstliche Framnæs, die weiterhin ihre Runden zog.
Die Vasco da Gama nahm Kurs auf das offene Meer. Weit war´s nicht. Verfolgt wurden wir zunächst von einem Schlepper,
der mit unserem Schiff per Tau verbunden war? Wollte die Vasco da Gama zu schnell Kristiansund verlassen? Keine Ahnung …
Wir ließen schnell die Küste hinter uns und ruhten uns an der frischen Luft aus. Stundenlang bis zum wie immer ausgezeichneten Abendessen. Danach wurden wir wieder ins Freie gelockt. Sonnenschein, blauer Himmel und zum Abschluss des Tages ein wunderschöner Sonnenuntergang.
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