
Im "Bella Vista" esse ich eine Kleinigkeit, bevor ich auf 14:15 Uhr nochmal losziehe. Viel Zeit bleibt nicht, denn um 16:00 Uhr startet der letzte Ausflug meiner Reise. Doch ich möchte wenigstens nochmal kurz durch "Gamle Stavanger" bummeln und einen Souvenirshop aufsuchen.
Ausgerüstet mit Schirm, Regenjacke und festen Schuhen ziehe ich los. Den Rucksack lasse ich bei meinem kurzen Spaziergang an Bord. Nur Geld und Kamera kommen mit. Leider regnet es und es sieht auch nicht so aus, als wenn es bald wieder aufhört. Am Hafenbecken Vågen entlang und an der "Rogaland" vorbei …
… und mit Blick auf AIDAlunas Hinterteil (Wie beschrieb Kapitän Kreikemeyer auf einer Tour vor mehreren Jahren mal den Weg zu den Restaurants auf AIDAstella?! "Hinten - dort, wo das Schiff etwas breiter wird, gibt´s immer das Essen.") …
… finde ich einen einladenden Souvenirshop. Ob mich die beiden "Wächter" hineinlassen?!
Aber vielleicht sehen sie mich ja nicht, wenn ich mich aus dieser Richtung "heranpirsche".
Was werden die Beiden wohl so genau beobachten?! Vielleicht ist es ja die einsame Möwe, die im strömenden Regen auf einem der Taue der "Rogaland" sitzt?!
Alt sieht sie aus, die "Rogaland". Und alt ist sie auch. Eine richtig betagte Dame, denn sie hat schon 89 Jahre "auf dem Buckel". Und klein - im Gegensatz zu unserer genau gegenüber liegenden großen Luna geradezu winzig mit ihren 57 Metern Länge und 10 Metern Breite. Als eines der ersten Schiffe nach dem Ersten Weltkrieg fuhr sie für "Det Stavangerske Dampskipsselskap" als Passagierschiff zwischen Oslo und Bergen.
Eigentliche Berühmtheit erlangte sie jedoch - wie so oft in der Geschichte - durch eine tragische Begebenheit. Das Unglück ereignete sich im Hafen von Bergen, am 20. April 1944, mitten im Zweiten Weltkrieg. Ein mit Sprengstoff beladenes Schiff explodierte dort, richtete nicht nur an den hafennahen Hansestadthäusern erhebliche Schäden an, sondern auch an der in der Nähe festgemachten "Rogaland", welche durch die erlittene Schlagseite letztlich sogar direkt am Kai sank. Da jedoch zur damaligen Zeit ein großer Bedarf an Schiffen bestand, wurde sie letztlich tatsächlich gehoben und wieder flott gemacht.
Ein langes und wechselvolles Leben hatte sie im Laufe der Jahrzehnte noch zu verzeichnen: Nach dem Krieg wieder instandgesetzt, verkehrte sie mehrere Jahre wieder zwischen Bergen und Oslo sowie später zwischen Stavanger und der norwegischen Hauptstadt. Als Arbeitsschiff wurde sie schließlich noch unter anderem Namen eingesetzt. Im fortgeschrittenen Alter von 72 Jahren durfte das Schiff endlich in seinen wohlverdienten Schiffsruhestand gehen und fungiert seither wieder unter seinem alten Namen als Museumsschiff.
Nach diesem kleinen Geschichts-Exkurs zieht´s mich in den großen Souvenirshop. Schnell stelle ich jedoch fest, dass mich das Überangebot an überwiegenden "Dingen, die die Welt nicht braucht" schier erschlägt. Schnell raus hier, schade um die schöne Zeit.
Ob mich die Beiden an- oder auslachen?! Man weiß es nicht so genau …
In einem nahen Schmuckgeschäft werde ich dann jedoch fündig. Wirklich schöne handgearbeitete Stücke, die sich sehr an der Geschichte und den Landschaften Norwegens orientieren. Für meine liebe Mama, der ich von jeder meiner Reisen etwas Hübsches mitbringe, kaufe ich einen wunderschönen Kettenanhänger, einer der Blumen des Nordens nachempfunden. Ich bin mir sicher, damit ihren Geschmack definitiv zu treffen.
Über ein paar rutschige Pflastersteintreppen direkt neben dem Geschäft erreiche ich auch schon das pittoreske und bei jedem Wetter seinen eigenen Charme entwickelnde historische Häusermeer der "Gamle Stavanger".
Die historischen Holzhäuser, von den 173 unter Denkmalschutz stehen, haben zum Teil schon eine lange Geschichte zu erzählen. Aufzeichnungen über die Errichtung der ersten Gebäude gehen bis ins Jahr 1767 zurück. Viele der aus der Vogelperspektive richtig verschachtelt wirkenden Häuser wurden zwischen 1820 und 1860 erbaut. Die maximale Wohnfläche beträgt 80 Quadratmeter. Urig. Urig und gemütlich - das ist Gamle Stavanger. Und auf jeden Fall ein - "Neudeutsch" ausgedrückt - "Must See" in Norwegens Ölmetropole. Also nichts wie hin.
Auch hier, wie schon in Bergen, liebevoll gestaltete Blumenkästen und -ampeln, Hauseingänge, die im üppigen Blütenmeer beinahe versinken.
Und über all der Pracht zwischen weißgestrichenen Holzfassaden und roten Dachziegeln, zwischen Rosenranken und Waldweidenröschen-Rispen lugt unsere AIDAluna hervor …
Es ist das reinste Deja vu … Man könnte auch sagen: "... und täglich grüßt das Murmeltier", denn Regen in Stavangers beschaulichen Altstadtgassen ist mir keinesfalls fremd ...
Dennoch gibt es "Lichtblicke" … Was für eine Farbkomposition: Vor den weißen Häusern der Gamle Stavanger eine Dahlie mit beinahe schwarzen Blättern, dafür mit strahlend-gelber Blütenpracht. Kein Wunder, dass sich die ebenfalls farblich passenden Hummeln magisch angezogen fühlen ...
Leider immer wieder mit genauem Blick auf die Uhr, lasse ich mich durch die wunderschönen Gassen auf von der Nässe glänzendem Kopfsteinpflaster treiben, immer begleitet vom monotonen Trommeln des Regens auf meinem Schirm …
Stillleben in Gamle Stavanger ... Wenn diese Straße schon leider an keinen Strand führt, dann lasse ich sie wenigstens in einem "Blütenmeer" baden.
Und schon heißt es wieder Abschied nehmen vom Meer der Häuser und Blumen von Stavangers einzigartiger Altstadt, ich muss zurück zum Schiff.
Über glitschige Stufen geht´s wieder hinunter zum Vågen, den ich einmal komplett umrunden muss, um zu unserem Schiff zu kommen.
Gefühlte 2.849.375,4 Regentropfen und rund anderthalb Stunden später kehre ich kurz in meine Kabine zurück, um die Jeans zu wechseln. Durch den böigen Wind sind meine Oberschenkel klatschnass geworden und so möchte ich nicht zum Ausflug aufbrechen. Also fix umgezogen, Rucksack geschnappt und schon stehe ich wieder auf der Pier - natürlich wieder gut beschirmt, denn der Regen lässt uns nicht los.
Fortsetzung folgt …
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