
2. Mai 2017, Bergen - Wetter: 13 Grad, sonnig
Um kurz nach 5 wird es schon hell draußen und ich hole die Bademäntel und Decken aus dem Schrank, öffne die Balkontür und schaue auf die Landschaft. Meine beiden haben auch schon ausgeschlafen und gesellen sich zu mir. Wie Mumien verpackt liegen wir auf den Sonnenliegen und blicken schweigend auf die Landschaft. „Also einen Balkon habe ich ja auch zu Hause, nur das Meer fehlt und diese Sonnenliege“, flüstert sie uns leise zu.
Die
Einfahrt in den Fjord ist beeindruckend. Rechts und links des Ufers liegen
kleine Ortschaften, dann fahren wir unter der riesigen Spannbrücke hindurch und
erreichen die ehemalige Hauptstadt Norwegens auf dem Wasserweg.
Die Stadt Bergen hat von sich sprechen lassen, als sie noch die Hauptstadt Norwegens war. Schon zu Beginn des 12. Jahrhunderts hatten sich hier rund um den Hafen Händler angesiedelt und der kleine Ort erlebte eine aufstrebende Entwicklung. Auch die Königsfamilie wusste den Ort früh zu schätzen, baute eine Residenz dort und war oft zu Besuch in der Stadt. In der Kathedrale wurden auch einige Könige gekrönt und von 1217 an war Bergen für 80 Jahre die Hauptstadt des Landes.
Schon bei der Einfahrt sind die Kirchtürme und der sogenannte "Hausberg" gut zu erkennen. "Mutti, wenn wir dort oben sind, werden wir dir winken, das ist versprochen!!!!" eröffnen wir ihr. "Macht nur was ihr wollt. Ihr wisst ja, ich habe Urlaub auf AIDA und ihr könnt weiterhin eure Touren durch die Städte machen. Mir fehlt es an nichts, wenn ich die Suite für mich allein habe", sagt sie lachend zu uns. "Ja ja und dann mit dem jungen Mann wieder herum schäkern" rutscht mir raus. Sie zwinkert mit den Augen und grinst.
"Aber ist euch zwei Grazien was aufgefallen?" fragt sie. Wir schütteln verneinend den Kopf. "Es reeeeeeeeeeeeeegnet nicht, wie 2011 haben wir hier Sonnenschein. Warum fahren wir nach Oslo und Kopenhagen, dass wir immer nass werden??? Könnt ihr mir das sagen?" Meine Schwester und ich schauen uns fragend an. "Mutti, weil es da auch bei Regen schön ist!!!!!" sagt meine Schwester und umarmt Mutti dabei. "Da habt ihr nun auch wieder recht... es gefällt mir überall, wenn ihr dabei seid" ist ihre Antwort. Ach, was sie heute wieder so lieb.
Die Bilder der Stadt und die Fahrt durch die Fjorde nach Bergen und später nach Ulvik durch den Hardangerfjord, hat sie nicht vergessen können und meint, es sei so schön wie damals. In Bergen hatten wir ja 2011 einen Ausflug per Bus gemacht und irgendwie hat sie sich damals in Norwegen verliebt. "Mutti, wir machen uns dann mal fertig und machen einen Bummel. Bis später dann" , und weg sind wir.
Ach schau mal an, da liegt auch die kleine Cara mit uns im Hafen. Das ist das älteste Schiff der AIDAflotte. Auf dem Schiff ist vieles etwas anders. Es gibt dort kein offenes Theater zum Beispiel und achtern gibt es keine Suiten, fällt meiner Schwester gleich auf. Ein wenig kann ich ihr ja erzählen, wie die Kabinen aussehen und die Restaurants; denn mein Mann und ich waren ja mit der Cara in Südamerika unterwegs gewesen. Und für die schönen kleinen Häfen dort war das Schiff wirklich passend. Ich persönlich mag die kleinen Schiffe, wie die Cara, die Vita und die Aura. Es ist wie im Leben, alles ist eine Geschmackssache.
Der Liegeplatz ist ideal für Unternehmungen zu Fuß durch Bergen. Die wichtigen Sehenswürdigkeiten sind gut zu erreichen und so machen wir uns nach der Freigabe durch die Hafenbehörde gleich auf den Weg zur Station der Floibahn. Als wir nochmal nach oben schauen, steht Mutti auf dem Balkon und winkt uns nach.
Steil überwindet die Bahn in 8 Minuten den Höhenunterschied von 320 Metern und wir stehen dort oben und haben einen unvergesslichen Rundblick.
Unter uns liegt die Stadt, ringsherum sanfte Hügel, Buchten und der Hafen, in dem unsere beiden AIDAschiffe nebeneinander festgemacht haben.
Meine Schwester und ich wandern dort oben etwas herum. Es gibt ein kleines Wildgehege und immer wieder neue Blickwinkel auf die Stadt.
Das hat sich wieder mal gelohnt und bei Sonnenschein ist es hier oben immer schön. Ach, das Wetter – ein unerschöpfliches Thema. Bergen mit 300 Regentagen im Jahr erleben wir jetzt zum zweiten Mal bei bestem Sonnenschein. Die Fotos für Mutti sind gemacht, es geht wieder zur Bahnstation. Als wir wieder unten an der Talstation, in der Nähe des Fischmarktes ankommen, steht eine endlose Schlange an beim Ticketschalter an. Tja, das haben wir doch gut geplant Schwester oder?
Heute haben wir so richtig Glück, der Fischmarkt ist noch geöffnet und wir schlendern ein wenig herum. Die angebotenen Fische, frisch und in großer Auswahl. Neee, auf ein Fischbrötchen haben wir gerade keinen Hunger, wir werden ja bald zu Mittag essen mit Mutti. Die angrenzenden Gassen mit den schönen Holzhäusern sind wunderschön und so bummeln wir einfach noch ein Stück.
Eine Runde um die Kirche und wir verweilen auf dem großen Platz mit diesem imposanten Backsteingebäude.
Und wieder sind in der Nähe des Fischmarkts angekommen. Was soll ich sagen, wir konnten dem Duft nicht widerstehen und haben uns etwas Backfisch geholt. Leute, einfach lecker!!!!!
Die Zeit drängt heute zum Glück nicht so. Mutti hat ja gut gefrühstückt und genießt es in der Zwischenzeit auf dem Balkon zu sein – ganz gemütlich auf der Sonnenliege. So nehmen wir uns die Zeit und wollen uns noch etwas umschauen.
Wir steigen noch geschwind hoch zur Festung Bergenhus und schauen uns den Rosenkrantz-Turm an. Letzter Besichtigungspunkt ist das Viertel „Bryggen“ mit den alten Hansehäusern und den schmalen Gassen. Die Hanse-Häuser sind echte Touristenmagnete. Menschen aus allen Richtungen strömen hierher und verschwinden im Gewirr der engen Gassen. Heute wird hier natürlich nichts mehr verladen, was per Schiff in die weite Welt gefahren wird. In den Häusern befinden sich kleine Antiquitätenläden, Boutiquen und natürlich unzählige Souvenirshops. Die Kassen klingeln ordentlich, sogar richtige Norwegerpullover kann man hier kaufen. Die kleinen Hinterhöfe gefallen mir, ich muss nur aufpassen, dass ich mein Schwesterherz hier nicht verliere bei den vielen Gassen. Ui, da würde Mutti aber aufdrehen, wenn ich alleine wieder käme. So wie früher: ich bin älter und habe aufzupassen. Hihihiiiiiii.
In der näheren Umgebung der Hanse-Häuser gibt es unzählige kleine Kneipen und Restaurants, die zum Verweilen einladen. Wir bleiben bei „Egon“ hängen und treffen dort unsere lustigen Schwestern von Deck 6. Ein Kaffee und ein Bier für einen stolzen Preis ist unsere Bestellung– man kann alles mit der Bankkarte bezahlen. Passend zu dieser Aussage passt mein Foto mit dem Titel "Da guckst du ..."
Die verabredete Zeit ist um und wir machen uns auf den Rückweg. Es wird Zeit für das Mittagessen, das aber klein ausfallen sollte, denn wir haben uns für „Rossini einmal anders“ angemeldet und da gibt es jede Menge feine Leckereien. Mutti erfreut sich an einem Stück Hähnchenbrust überbacken und Kartoffelgratin dazu. Sieht ganz gut aus.
Den Rest des Nachmittags nutzen wir unseren Balkon, erzählen Mutti
von unseren Erlebnissen und ich zeige ihr die Fotos auf dem Tablett. So war sie
wenigstens virtuell mit uns unterwegs. "Da habt ihr wieder eine Menge gesehen und gegen den Fisch hätte ich jetzt auch nichts gehabt. Aber wenn ich es mir so richtig überlege, den könnte ich mir zu Hause ja auch mal machen. Ein wenig Teig, Fisch rein und frittieren und fertig ist Fisch á la Bergen. Ich lade euch mal ein dazu, meine Lieben", kommt von ihr als Einwurf.
17 Uhr,
leichte Drängelei vor dem Kosmetikspiegel im Bad, fertig machen für unser
Rossini-Event. Mutti will auf keinen Fall mit. „Kinder, diese Esserei immer –
tut mir leid, aber ich bin so satt noch vom Frühstück und Mittagessen, da geht
mal schön alleine hin. Ihr könnt noch was auf die Rippen brauchen!“ Großes
Gelächter im Bad … , sie jetzt wieder. Und wir sollen uns keine Sorgen machen
um sie, es gibt ja noch den Fernseher und vorher das Auslaufen, das sie vom Balkon
aus betrachten kann. Beruhigend zu wissen, dass sich Mutti ganz gut selber
beschäftigt. Ich schnappe meine Kamera und weg sind wir. „Mutti, falls du doch
noch Hunger haben solltest nachher, ich kann dir dann noch ein paar Kekse
anbieten oder wir gehen mit dir noch in den California Grill, einen Hamburger
essen“, rufe ich beim weggehen in die Kabine rein. „Ja, das ist gut – aber ein
Apfel tut es auch, Kind. Davon liegen ja noch welche auf dem Teller hier“
ertönt es.
In der
Anytime ist alles vorbereitet, die Häppchen nett angerichtet, die Rossini-Crew
samt der Köchin Melanie Krüger und dem Maitre de'hotel Oliver Holze empfängt
uns mit einem Gläschen Champagner, Sail away kann losgehen. Ein netter Mann schießt noch ein Erinnerungsfoto von uns beiden ... Mutti wird bestimmt nachher zu mir sagen "Deine Frisur wie immer, wild!!!"
Unter
Getröte und Gejohle auf beiden AIDAschiffen läuft die Luna aus und auf der Cara
werden die Handtücher zum Abschied geschwenkt und bald ist sie unserem Blick entschwunden.
Das
Menü im Rossini, wieder ein echter Hingucker, Melanie Krüger hat sich was
einfallen lassen. Besonders angetan hat es mir die Kreation der Suppe
„Yin&Yang“. Boah, wenn Mutti das sieht, wird sie staunen, was man aus Roter
Beete und Knollensellerie machen kann.
Kurz von 21 Uhr treffen wir wieder auf der Kabine ein, satt bis oben hin – obwohl die Portionen immer so klein aussehen. Natürlich will Mutti genau
wissen, was es gab. Wir zeigen ihr die Speisekarte und sie meint, das liest sich recht gut. Sie habe den Obstteller geplündert und sei auch satt. Jetzt
aber bequeme Sachen an, denn unser Abendprogramm heißt heute „auf der Liege den Sonnenuntergang schauen".
Achtern weht eine kleine Brise und zerzauselt unsere Haare. So ist das eben, wenn man sich auf dem Schiff draußen aufhält. "Schau mal, Mutti hat wirklich etwas Farbe im Gesicht bekommen" flüstere ich meiner Schwester zu. "Ja und sie sieht echt so zufrieden aus. Das ist doch toll."
Wir
reden noch eine Weile leise miteinander und sagen zu Mutti, dass wir mächtig Stolz auf sie sind und
wie gut sie die Reise bisher gepackt hat. Da kontert sie aber blitzschnell,
"so alt bin nun auch wieder nicht, dass mir ein Urlaub auf AIDA zu
anstrengend sei!" Auf das folgende Gelächter möchte ich nun nicht weiter eingehen. Ich male ihr ein Herz und schenke ihr die Sonne heute.
Um Mitternacht ist immer noch ein schmaler Streifen von Restlicht am Horizont zu erkennen. Dann aber ins Bett, die Sonne geht in 5 ½ Stunden schon wieder auf und die Einfahrt nach Ulvik steht an. Gute Nacht.