
8. Juli 2025 – Cherbourg
Kurz nach dem Sonnenaufgang wurde ich wach. Mist – zu spät zum Fotografieren. Also noch einmal umdrehen und die Augenpflege fortsetzen.
Das Anlegen verfolgte ich von ganz oben. Nach dem Passieren der mit Forts bestückten, den zweitgrößten Vorhafen der Welt absichernden Schutzmauern interessierte ich mich für Stadt und Umgebung.
Ein sehr großer, gut belegter Sporthafen. Dahinter die Altstadt; mittendrin die Basilika Ste-Trinité und einträchtig dahinter die Kirche Notre-Dame du Vœu. Direkt am Quai de France das Kreuzfahrtterminal aus den 30er Jahren. Hier, am Quai de France nahm 2012 die Titanic ihre Passagiere auf, die nach dem Zwischenhafen Cobh leider nicht ihr Ziel erreichte. Unmittelbar neben dem Terminal „Cité de la Mer“ – Museum, Aquarium und Anlegeplatz der Redoutable, dem angabegemäß größtem Atom-U-Boot der Welt.
Mehrere, am frühen Morgen noch freie Anleger,
von denen sich die Fähren nach Irland und England auf ihren Weg machen können. Oben auf dem Hügel das in einem Fort befindliche „Musée de la Libération“, das Museum der Befreiung. Ansonsten viel für eine wichtige Hafenstadt unvermeidliche Industrie. Richtung Landesinnere der normannischen Halbinsel Contentin mit Wäldern bewachsene Hügel. Schwerpunkt unseres Hafentages war der Besuch von Stätten, die für das Ende des 2. Weltkrieges wichtig waren.
Auf unserem Weg zur Mietwagenstation mussten wir durch die Halle des Terminals gehen.
Hier schien die Welt stehen geblieben zu sein. Alles sehr gediegen – edle Hölzer und an den Seitenwänden Bildschirme mit Abbildungen rund um die Titanic-Zeit.
Es dauerte nicht lange und wir waren in einem Opel Corsa unterwegs. Zügig erreichten wir nach Durchfahrt der Vororte die N13, die Hauptverkehrsader der Halbinsel. Vorab: Das Fahren war entspannt – nahezu alle der auf unseren Routen fahrenden Verkehrsteilnehmer fuhren diszipliniert. Keine Raserei. Ein ständiges hügelauf- und abwärts durch die normannische Heckenlandschaft. Kleine Wälder wechselten sich mit landwirtschaftlich genutzten Gebieten ab. Auf Weiden größere Rinderherden und auch Pferde. Auf einmal sahen wir rechts von der N13 eine von jungen Bäumen begleitete Allee. Und ein Hinweis: „Cimetière Militaire Allemand de La Cambe“. Also an der nicht weit entfernten Abfahrt runter von der Nationalstraße und einige Kilometer zurück zur Kriegsgräberstätte. Wir betraten sie durch einen engen Torbogen und sahen ein riesiges, sehr gepflegtes Rasenfeld
mit identischen Grabsteinen, auf denen die Namen und Daten der Gefallenen graviert waren, die auf diesem Gelände ihre letzte Ruhe fanden. Zwischendurch Steinkreuze in Fünfergruppen. Im Zentrum ein Grabhügel als Grabstätte der vielen unbekannten, nicht identifizierten Soldaten mit einem hoch aufragenden Granitkreuz. Das Kreuz war zugänglich
und von oben konnte man sehr gut die Ausmaße dieser Kriegsgräberstätte erkennen.
Auf diesem Friedhof wurden nach der beginnenden Befreiung Frankreichs auf zwei nebeneinander liegenden Grundstücken deutsche und amerikanische Gefallene begraben; auf Wunsch von Familienangehörigen überführte man ca. 2/3 der Toten in die USA. Nach einem 1954 zwischen Frankreich und der Bundesrepublik Deutschlands geschlossenen Abkommen wurde dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge La Cambe übergeben; der Volksbund sorgt seitdem für die Ausgestaltung und Pflege der Grabstätten von mehr als 21.000 Gefallenen. Sie verloren ihr Leben während der Landung der Alliierten und der darauf folgenden Kämpfe. Uns fiel auf, dass hier vorwiegend junge Soldaten ruhten – das vorletzte Aufgebot des Wahnsinnskrieges von Hitler und seinen Schergen. Unsere Gedanken beim kurzen Besuch dieser Stätte fassten wir mit einem in Whats app hinterlegten Status zusammen: „Scheiß Krieg – nie wieder!“. Bedrückend, was sich in den nächsten Stunden wiederholen sollte.
Wir besuchten anschließend den Informationspavillon und den Friedenspark.
Hier erfuhren wir, dass die uns vor dem Besuch aufgefallenen Alleebäume ein Teil des Friedensparks sind; mehr als 1.000 Ahornbäume wurden gestiftet. Ich schließe den Besuch dieser Stätte mit den Schlussworten einer Informationstafel: „Die Toten dieses Friedhofs mahnen zum Frieden.“
Weiterfahrt – ein kurzes Stück auf der N13 und anschließend auf recht engen Regionalstraßen. Unterwegs fielen uns immer wieder von französischen um US-Flaggen flankierte Statuen auf; i.d.R. von Soldaten. Wir erreichten Vierville-sur-Mer. Von dort aus folgten wir den Hinweisschildern „Omaha Beach“. Auf dem Weg zum Strand fuhren wir an dem ersten Kriegsrelikt vorbei – ca. 100 m lange zusammengesetzte Landungsbrücken.
Nicht weit vom Strand entfernt ergatterten wir einen Parkplatz. Los – und wir wurden gestoppt von Denkmälern mit Soldatenszenen und Informationstafeln.
Ein GI zieht seinen verwundeten Kameraden auf den Strand. Die Ausgestaltung der Bildnisse war äußerst detailgetreu und scheint wiederzugeben, was damals am Strand geschah.
6. Juni 1944 – die Invasion in der Normandie und für Frankreich der Tag der Befreiung. Nachdem in der Nacht bereits drei Luftlandedivisionen in den hinteren Bereichen gelandet waren, begann ab 6.30 das Inferno. Angriffe erfolgten auf diversen Stränden. Gesichert waren sie durch Minenfelder und Strandhindernisse wie Panzersperren, Stacheldraht, mit Draht verbundene, in die Erde eingelassene Baumstämme (sogenannte Rommelspargel), ferngesteuerte Flammenwerfer, … Die Invasionstruppe stürmte unter hohen Verlusten die Strände und die Steilküsten. 4.500 alliierte Soldaten starben am ersten Tag an den Küsten der Normandie, allein davon 2.000 auf dem Omaha Beach, der bei der Verteidigung durch gut ausgebildete Wehrmachtssoldaten und u.a. mit kleinen Bunkern gesichert wurde. Die Straße nach Vierville-sur-Mer wurde von dem sogenannten Widerstandsnest 72 verteidigt; eine Kasematte mit Panzerabwehrkanone.
Die Überreste des Bunkers sind auf der Unterseite dieses Denkmals für die US-Nationalgarde gut erhalten.
Wir gingen zum Strand.
Von den Hinterlassenschaften der Kämpfe war wenig zu erkennen. Ein in die Steilküste gebauter Bunker, das Widerstandsnest 73. Ein Stahlbetonpontonteil, von dem aus ein kurzer Pier ins Meer führte. In dieser Umgebung wurde nach Ausbau des Brückenkopfes ein künstlicher Hafen aus Fertigteilen angelegt. Noch ein Blick auf die Steilküste. Wenn man bedenkt, dass sie von den amerikanischen Truppen bewältigt werden mussten ... Hinter sich ein Blutbad, vor sich die Wehrmacht. Doch unter großen Verlusten gelang es den Amerikanern mittags durchzubrechen und die Wehrmacht von hinten anzugreifen. Der Anfang vom Ende der deutschen Herrschaft in dieser Gegend. Bis zum Abend waren in der Normandie mehr als 155.000 alliierte Soldaten gelandet; an diesem D-Day und an den Folgetagen fielen 32.800 und 77.600 deutsche Soldaten.
Auf der anderen Seite des Pontons zog sich ein langgestreckter schmaler Strand hin; es war Ebbe.
Das Dokumentationszentrum besuchten wir nicht; ebenso nicht Museen an den anderen noch anzusteuernden Zielen. Die Zeit war zu knapp. Ein Grund, direkt das nächste Ziel aufzusuchen – Utah Beach. Aber wie bei uns üblich mit Unterbrechungen. Links und rechts der Straßen tauchten immer wieder Natursteinhäuser auf, umgeben von einer Blumenpracht.
Und nicht wenige wunderschöne gepflegte Landsitze, in denen man sich wohl fühlen könnte.
Dann tauchte auf einmal ein Hinweisschild auf: Pointe du Hoc, rechts ab. War da nicht etwas? Mir kam in den Sinn, dass dieses Kap in die Erstürmung der Zone „Omaha Beach2 einbezogen wurde. Also rechts ab und nach einigen Kilometern kamen wir an. Den Besuchern stand ein Rundweg durch die naturgetreue Verteidigungsanlage zur Verfügung.
Nach der Eroberung hatte man absichtlich keine Änderungen und Einebnungen vorgenommen. Wir sahen Bunker und -reste des Atlantikwalls und Bombentrichter. Lediglich die Natur hatte ganze Arbeit geleistet. So sah die grün bewachsene Fläche mit den grauen Betonteilen nicht ganz so trist aus wie vor 81 Jahren.
Langsam näherten wir uns der Steilküste, vorbei an den Hinterlassenschaften der Invasion. Kasematten, an denen der Zahn der Zeit genagt hatte. Für den langen vergangenen Zeitraum erstaunlich gut erhalten.
Einige Bunker und Kasematten waren frei zugänglich. Auch ich wollte mich informieren, in welchen engen Räumen die Wehrmacht dem Ansturm begegnet war. Aber nach kurzer Zeit floh ich an die frische Luft. Zu eng, zu viele Besucher. Ansonsten fast nur blanke Betonwände und Ausblicke durch Geschützöffnungen.
Wir kamen an den Rand der Klippen. 25 bis 30 m oberhalb des ungefähr 10 m breiten Steinstrandes.
Die Spitze des Kaps verteidigte ein Geschützbunker. Der Grund, dass an dieser Stelle ein todesmutiger Angriff geplant war. Von hier aus konnten die Abschnitte Omaha und Utah Beach beschossen werden. Ziel der Erstürmung was die Ausschaltung der Geschütze. Ein Blick nach unten zeigte, wie gefährlich der Aufstieg für das US-Bataillon war.
225 Ranger wagten mit leichten Waffen, Seilen und Leitern den Aufstieg. Nach fünf Minuten erreichten die ersten Soldaten eine zerstörte Flak-Stellung, nach 25 Minuten hatten alle Ranger das Plateau erreicht. Währenddessen leisteten die Wehrmachtsangehörigen mit Handgranaten und Felsbrocken hartnäckigen Widerstand, so dass nach zwei Tagen von den 225 Männern nur noch 90 kampffähig waren. Übrigens waren in den Kasematten keine Kanonen mehr vorhanden; sie wurden vorher aufgrund der erwarteten Luftangriffe entfernt.
Fortsetzung folgt …