
Unser geführter Rundgang über die Stadtmauer neigte sich dem Ende zu. Und zwar in Höhe der St Columb’s Cathedral.
Ein kurzer Abstecher auf das Kathedralengelände führte zur Erkenntnis, dass eine Innenbesichtigung an diesem Tag nicht möglich war – geschlossen! Schade, aber es gab noch genug anderes zu sehen. Noch einige Meter bis zum nächsten Stadtmauerausgang und unser Reiseführer gab uns knappe drei Stunden Zeit, Derry näher kennenzulernen. Wir begannen sofort damit und standen vor einer irischen Bar.
Nicht schreiend bunt, sondern dezent gediegen. So soll es auch innen zugehen, wie wir später hörten.
Nachdem wir in der vergangenen Stunde den alten Kern von Derry umrundet hatten, stießen wir in die Mitte dieses Kerns vor. Enge Straßen, schmale Bürgersteige, überschaubarer Autoverkehr, auf beiden Seiten Wohn- und Geschäftshäuser, ab und zu ein Inn. Die ins Zentrum führende Straße endete am Platz „The Diamond“ mit dem Denkmal für die im 1. Weltkrieg Gefallenen der Stadt.
Sehr pompös mit der Siegesgöttin an der Spitze, den Namen der Gefallenen und zwei martialisch aussehenden Bronzesoldaten – ein Matrose, die Marine repräsentierend, und ein für das Heer stehender Soldat.
Beide Statuen wirken sehr aggressiv, aus diesem Grunde erzeugten sie großen Unmut bei der katholischen Bevölkerung.
Da wir bei unserem Rundgang uns die St Columb’s Cathedral nicht näher ansehen konnten, beschlossen wir, sie nochmals aufzusuchen. Unmittelbar vor dem Kirchengelände stand schützend ein eindrucksvolles Gebäude – der Gerichtshof.
Die Nordiren schienen einen Narren an dorischen Säulen gefressen zu haben …
Als wir das Gerichtsgebäude passierten, fing es langsam an zu tröpfeln. Je näher wir der Kathedrale kamen, desto stärker wurde der Regen – fast sintflutartig kam er herunter. Also: Schirm raus und einen Unterstand am Kathedraleneingang gesucht. War aber nix – doch die Rettung war in Sicht: Ein jüngerer Mann, ein echter Paddy mit rotem Haarschopf, klopfte an das Portal und – oh kirchliches Wunder – das Portal öffnete sich und Paddy schlüpfte hinein. Wir wurden schnell. Hinterher und wir fragten politely in unserem besten schollenglish (Die letzte lesson lag auch schon 54 Jahre zurück – jetzt könnt Ihr in etwa mein Alter bestimmen!), ob uns nicht einige Minuten Kirchenasyl gewährt werden könnte. Und ob! Und so waren wir die einzigen Ausflugsteilnehmer, die die Kathedrale besichtigen durften!
Für irische Verhältnisse eine alte Kathedrale. Dieses anglikanische Gotteshaus wurde in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts erbaut uns war somit die erste anglikanische, nach der Reformation in Großbritannien neu errichtete Kathedrale.
Durch die bunten Kirchenfenster schien inzwischen die Sonne und wir machten uns – beim Pfarrer bedankend – auf dem Weg nach draußen. Hinter der Kathedrale gedachte man dem unbekannten Soldaten.
Und so sah die Kathedrale unter fast blauem Himmel aus:
Da wir uns gut anhand der Stadtmauer orientieren konnten, nahmen wir sie und spazierten Richtung Guildhall; kamen dabei allerdings in Kontakt mit eigentlich nicht mehr vertretbaren Relikten der Animositäten zwischen den (nord)irischen Parteien.
Ein Platz, noch spärlich gefüllt mit Holz und Holzpaletten, leider auch mit sonstigem Sperrmüll. Die Bordsteine der angrenzenden Straßen abwechselnd in rot, weiß und blau – die Farben der Flagge Großbritanniens. Ein Gedenkstein der Londonderry West Banks Loyalists: „immer noch unter Belagerung – keine Kapitulation“. Er erinnert an die endgültige Unterwerfung Irlands durch die Engländer, die am 11. Juli 1690 in der unter dem Sieger Wilhelm von Oranien gegen den katholischen, ehemaligen englischen König Jakob II in der Schlacht am Boyne besiegelt wurde. Jedes Jahr am 11. Juli, in der Bonfire Night, werden Palettenpyramiden angezündet – das Freudenfeuer und Paraden erinnern an diesen für die Loyalisten wichtigen Tag. Nicht unbedingt schlimm, wenn nur nicht immer wieder unerbittliche Ignoranten irisch-republikanische Symbole wie deren Nationalflagge ins Feuer werfen würden. Eine reine Provokation – hoffentlich lässt sich die Gegenseite nicht davon aufstacheln.
Nun aber zunächst genug von den leidvollen Erinnerungen. Wir verließen die Mauer und spazierten durch das Geschäftsviertel. Und dorthin, wo – besonders am Abend – das Leben spielt. In der Waterloo Street wetteiferten Bar an Bar, welche die am meisten ins Auge stechende Farbe hatte und sie lockten: „Guinness is good for you“ oder „Opening Time is Guinness Time“!
Weil wir unseren kleinen Bieranzug nicht dabei hatten, widerstanden wir der Versuchung, um die uns zugestandene Zeit voll auszunutzen. Der River Foyle und die Peace Bridge waren unser nächstes Ziel.
Leicht und S-förmig geschwungen verbindet sie seit 2011die inzwischen mehrheitlich katholischen Viertel auf dem Westufer des Foyle mit den mehrheitlich protestantischen Vierteln auf dem Ostufer. Sie ist lediglich für Fußgänger und Fahrräder vorgesehen und wird nicht nur von Touristen stark genutzt. Im Endeffekt ist sie auch ein Symbol der leidvollen Vergangenheit der Stadt: Sie stellt symbolisch einen im wahrsten Sinne des Wortes Brückenschlag zwischen den (hoffentlich nur) in der Vergangenheit verfeindeten Parteien dar.
Logisch, dass wir sie betraten und auch von den Ausblicken fasziniert waren. Allein wie sich im Hintergrund die Guildhall darstellte.
Dort mussten wir noch unbedingt hin und vor allen Dingen rein, zumal es wieder leicht zu regnen begann.
Die Guildhall ist eins der Wahrzeichen Derrys und wurde in dieser Form Ende des 19. Jahrhunderts erbaut. In dem neogotischen Gebäude tagt der Stadtrat und es ist Sitz des Bürgermeisters. In dem repräsentativen Saal
finden Veranstaltungen und auch Konzerte statt. Besonders fallen die von Londonern Unternehmen gestifteten, sehr schönen und farbenfrohen Buntglasfenster auf, die die Geschichte der Stadt zeigen. Ob man unparteiisch vorgegangen war?
Da wir bis zur Rückfahrt noch ein wenig Zeit hatten, suchten wir nochmals die beeindruckende Free Derry Corner auf. Dieses Mal schauten wir ganz in Ruhe die Murals an. Zu diesem Foto bedarf es keinen Kommentar.
Liebe Leser, nicht dass ein falscher Eindruck entsteht. Meinem bisherigen Bericht ist zu entnehmen, dass die Verantwortung für die Greueltaten fast nur bei der britischen Seite liegt. Ich habe nicht erwähnt, dass während der Troubles/des Nordirlandkonflikts unionistische Bauten wie z.B. die Guildhall, St. Augustine's Church, First Derry Presbyterian Church, … durch Anschläge oder Beschuss mehr oder weniger in Mitleidenschaft gezogen wurden. Und dass auch viele Loyalisten von Republikanern ermordet wurden. Ich verurteile, dass es in den letzten Jahrzehnten oder auch heutzutage zu derartigen Gräueltaten kommen konnte. Im Vordergrund muss – und so sollte es überall auf der Welt gelebt werden – der zentrale Artikel unseres Grundgesetzes stehen: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Und dazu gehört auch das Recht auf Leben ohne Gefahren.
Mit dem Karfreitagsabkommen 1998 kehrte der anschließend mitunter brüchige Frieden nach Nordirland zurück – Spannungen lassen sich leider weiterhin nicht vermeiden. Aber die allermeisten der Beteiligten hoffen, dass mit der Zeit ein ewiges friedliches Nebeneinander-, besser Miteinanderleben durchgesetzt wird.
Mich beeindruckten, aber auch deprimierten bei unserem 2019er Belfast-Besuch die Murals der sogenannten „Friedensmauer“. Jemand hinterließ dort Pink Floyd´s Aufschrei: „Tear down the wall!“, den ich mit meiner Unterschrift versah. Ich wünsche allen Menschen, dass diese Mauern einstürzen und dass sie in Frieden miteinander leben.
Bei allen derartigen Gedanken darf man aber nicht vergessen, dass Ursachen Wirkungen zeigen. Wie auch in der Zeit der Troubles.
Mit diesen Überlegungen zurück in den Bus und gemütlich zurückgelehnt. Schnell lag Derry hinter uns und links und rechts von uns breitete sich die grüne irische Landschaft aus. Zunächst vorwiegend flach, dann aber hügelig.
Die Ausläufer der Sperrin Mountains mussten „bezwungen“ werden. Und dann ging es wieder bergab. Bis wir Belfast erreichten und wir mit dem nächsten Programmpunkt Stadtrundfahrt Belfast „beglückt“ wurden. Zunächst kam das Pflichtprogramm jedes Belfast-Besuchers auf uns zu. Nicht die Friedensmauer sondern an diesem Tag die republikanische internationale Mauer an der Lower Falls Road, in der mehrheitlich katholische republikanische Iren wohnten. Allerdings nicht sehr weit von der von der Friedensmauer geprägten Shankill Road, die die Grenze zum vom protestantisch loyalistisch beeinflussten Shankill-Viertel bildete. Wie sehr in der Lower Falls Road bestimmte britische Institutionen willkommen sind, sieht man am folgenden Plakat:
Man beachte die zusätzliche Absicherung am oberen Mauerrand.
Die weiteren Plakate an den Mauern erinnern an republikanische (Nord)iren,
die bei Übergriffen oder bei Kämpfen zwischen den verfeindeten Parteien ums Leben gekommen waren; die Vorfälle wurden – je nach Seite – unterschiedlich kommentiert. Auffällig waren – wie auch bereits in Derry gesehen – die Solidaritätsbekundungen mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation sowie anderen linken Gruppen; aus der Historie heraus gab es zwischen ihnen und der IRA enge Kontakte.
Bei der folgenden Fahrt durch Shankill kamen wir in Kontakt mit Murals der loyalistischen „Gegenseite“; sie geben in vielen Fällen aggressiv ihren Standpunkt wieder.
Die Innenstadt war nicht mehr weit und wir fuhren ohne Fotostopp an einigen Sehenswürdigkeiten vorbei. Zunächst sahen wir die Queen´s University bei herrlichem Sonnenschein.
Das schöne Wetter war passend für Universitätsbesucher, denn an diesem Tag nahmen sie an einer Abschlussfeier teil. Wir sahen viele Absolventen in Robe und mit Akademikerhut.
Nicht weit davon entfernt stand ein enormes, repräsentatives Gebäude, die Assembly Buildings.
Es handelte sich um den Hauptsitz der Presbyterianischen Kirche in Irland, nebenbei als kommerzielles Konferenzzentrum genutzt. Die beiden letzten, einigermaßen vorzeigbaren Fotos entstanden nur deshalb, weil die Gebäude auf unserer Busfensterseite an uns vorbeizogen. Alle anderen Sehenswürdigkeiten wie z.B. die Oper, das Rathaus oder die Kathedrale waren für uns nur ausschnittweise erkennbar – sie lagen entweder auf der anderen Busseite oder wir fuhren zu schnell daran vorbei, wie z.B. am Titanic-Museum. Fazit: Die Stadtrundfahrt als solche war ermüdend und für die Katz. So waren wir froh, als wir vor unserem Schiff den Bus verlassen durften. Mit einem Bärenhunger, so dass wir innerhalb kürzester Zeit im Atlantik auftauchten. Während wir speisten, legte Mein Schiff 3 bei bestem Wetter ab und steuerte langsam unser nächstes Ziel an; nach dem Essen wir unser vorletztes Tagesziel: die Außenalster. Cocktail-Zeit. Bei optimaler farblicher Untermalung. Schöner konnten wir nicht von Nordirland verabschiedet werden …
Kommentare 1