Wir haben lange mit uns gerungen, ob wir uns überhaupt noch zu dieser 1. Weltreise von AIDA äußern sollen. Aber wir denken, die Fairness verlangt es, damit zukünftige AIDA-Weltreisende wissen, worauf sie sich einlassen...
Wie das bei subjektiven Berichten so ist, subjektiv gesehen ist das alles wahr.
Aber vieles könnte eben vielleicht doch anders sein - das kommt stark darauf an, was jemand erwartete und dann bekam.
Wir haben uns vorgenommen, uns von Unvollkommenheiten einer solchen "Jungfernfahrt" möglichst wenig frustrieren zu lassen - und das ging ganz gut. Uns war klar, dass eine allererste Weltreise ihre Tücken haben würde und haben vorsichtshalber erst mal nur das letzte Drittel gebucht. Und das war auch gut so. Bei der nächsten Weltreise werden wir nicht dabeisein, denn wir glauben nicht an eine schnelle Lernkurve, weil bei Aida (und auch vielen Fans) wohlmeinende und konstruktive Kritik zu oft als Majestätsbeleidigung empfunden wird. Wenn man sorgfältig auswertet und an einer echten Verbesserung arbeitet, kann das Angebot einer gut organisierten Weltreise aber ein echter Aida-Knüller werden, weil es das Potential zu etwas Einzigartigem hat.
Ja, wir sehen das auch so: Das "Selection"-Prinzip ist eine Mogelpackung. Ich muss vielem des hier Geschilderten leider beipflichten. Die Menus mit Gastkoch Franz Schned waren wieder ausgezeichnet - die Mannschaft kann es also. Daran liegt es also nicht. Aber für 14,90 Euro kann kein Koch ein Menu der Sterneklasse anbieten. Wir gehen gern mit auf die Marktausflüge und sehen den Unterschied, wenn Rossini-Köche einkaufen oder der Selection-Chef mit einem offenbar begrenzten Budget. Wer sich von dem Begriff "Selection" etwas Besonderes erwartet, wird enttäuscht werden - das Gegenteil ist der Fall.
Das Rossini-Ambiente allein ist es halt nicht - es fehlt das kulinarisch Besondere. Dass zu einem solchen Angebot ein Wasserpreis von 6,90 die Flasche nicht passt, zeigt nur, dass man das ganze Konzept nicht zuende gedacht hat. Kurzsichtig ist auch, dass Rostock vorgibt, dass die Karte wochenlang gleich zu bleiben hat - dafür hat man schließlich gebunkert. Auf einer so langen Reise muss der Gast, der dieses Ambiente schätzt, halt Tag für Tag das Gleiche essen oder doch auf die Buffetrestaurants ausweichen. Auch dort gibt es dann im großen Umfang immer wieder das Gleiche, gelegentlich kreativ anders bezeichnet - aber Hand aufs Herz: So viel Abwechslung kriegen wir zuhause eigentlich auch nicht hin. Und letztlich findet man in den Buffetrestaurants täglich etwas gut Essbares und immer mal wieder eine kleine Überraschung. Aber wer lieber das Bedienrestaurant-Ambiente möchte, bekommt es eintönig.
In unserem letzten Drittel der Reise gab es gelegentlich (auch wieder mit Gastkoch Franz Schned) Sonder-Stände im Marktrestaurant, die wirklich außergewöhnlich und vorzüglich waren. Auch manche Pool-Aktion war kulinarisch erfreulich. Mehr von diesen kleinen Besonderheiten und mehr Abwechslung im Einerlei der Seetage sind das Geheimnis eines künftigen Erfolges.
Es wurde ansonsten im Wesentlichen das Standardprogramm geboten, es wiederholte sich zu oft. Das fällt bei einer 14-Tage-Reise nicht auf und ist auch bei 3 Wochen noch ok. Ist man deutlich länger unterwegs, geht das so nicht. Dann muss man immer mal wieder Neues bieten. Das wird Aufgabe der nächsten Planer sein. Sonst wird das eine permanente Frustquelle, denn das spricht sich halt rum.
Das gilt ganz besonders auch für die Animation an Bord, vor allem für das Seetage-Programm: Ja, immer das Gleiche muss einfach langweilig werden - selbst für Drittel-Reisende. Die Gastgeber haben ihr Möglichstes getan und waren erfreulich gut drauf. Es war ein harter Job, weil eben das Publikum sehr speziell und teilweise wirklich schwer zu motivieren war.
Ich finde, das muss man anerkennen. Wir haben den hier kritisierten Nico, den Entertainment-Manager, eher bewundert, dass er immer wieder aufs Neue den Schwung mitbrachte, einem weitgehend uninteressierten Publikum die täglichen, manchmal wirklich dünnen Angebote anzupreisen.
Auch hier muss der Planer berücksichten, dass es nicht reicht, ein vorhandenes Programm einfach zu vervielfältigen und periodisch wiederholend abzuspulen. Und man sollte doch vorher wissen, dass das Publikum bei so einer Reise noch viel stärker rentnerlastig ist als auf anderen. Es gab da gute Ansätze wie den spontan angebotenen Smartphone-Kurs für Senioren, aber das war die Ausnahme. Und im letzten Drittel war dann bei einer großen Zahl der Gäste mehr als deutlich die Luft raus. Weil eben nichts Neues kam und Anregungen leider nicht aufgegriffen wurden. Und weil manche Angebote auch dann immer wieder aufs dem Programm gesetzt wurden, obwohl absehbar war, dass die vorgegebene Mindestteilnehmerzahl nicht erreicht werden würde. Für andere Reedereien stellt sich das Problem weniger, weil dort Gästeaktivität und Animation einen viel geringeren Stellenwert haben. Und das genau ist der Grund, warum der Frust bei den Vielreisenden teilweise größer war als bei den (erstaunlich zahlreichen) Kreuzfahrt-Neulingen.
Auch nicht verstanden hatte man bei den Planern, dass auf einer solchen Reise im Showprogramm Drittklassiges dreifach schlecht ankommt. Die Programme mancher eingeladenen Gastkünstler/Edutainer waren eher peinlich. Gut kamen die an, die sich auf die Zielgruppe einzustellen vermochten. Es gab auch echte Highlights wie den vorlesenden Schauspieler Mues. Doch wenn zuvor zuviel anderes zu mau war, raffen sich viele Gäste dann nicht mehr auf, es nochmal mit "dem Neuen" zu versuchen und verpassen so leider Großartiges wie dessen Lesungen. Und wenn dann ein Nachfolgender in Texten und Qualität deutlich darunter liegt, wird die Gruppe der Zuhörenden immer kleiner.
Das junge Show-Ensemble war sehr gut. Aber man muss sich klarmachen, dass Wiederholungen nicht gehen und halb leere Reihen produzieren. Das wurde dann auch sehr schnell verstanden und korrigiert - Kompliment! Ja, bei so einer langen Reise muss viel mehr Wechsel stattfinden, damit es spannend bleibt. In allen Bereichen. Denn frischer Schwung und anderer Stil verbessern zuverlässig die Stimmung, denn genau diejenigen Leute machen doch eine Weltreise, die Neues erleben wollen. Und denen muss man mehr anbieten als das immer gleiche Standardprogamme: Eine Weltreise, liebe Planer in Rostock, darf nicht nur länger sein und mehr Ziele anbieten als andere, sondern sie muss von Animation, Küche und Show massiv abwechslungsreicher sein als andere. Nur dann - und vor allem: genau dann - wird sie erfolgreich werden.
Diese Reise war auch ein soziologisches Experiment. Erkennbar vielen fiel es nicht leicht, eine so lange Tour auf so engem Raum zu zweit zu verbringen. Es war viel Frust und teilweise Aggressivität an Bord.
Aber andererseits auch viel paarweise Harmonie und Zufriedenheit: Diese Reise war erkennbar für viele so eine Art Belohnung für ein langes Arbeitsleben. Ein sehr großer Teil der Gäste hat diese Reise von Anfang bis Ende uneingeschränkt genossen und viele haben uns Zusteigenden gern von ihren besonderen Erlebnissen erzählt, Erinnerungen, von denen sie noch lange zehren werden. Und es bildeten sich (wie auf anderen besonderen Reisen) auch nette Bekanntschaften - wer dafür offen war, fand Gleichgesinnte und täglich neue nette Kontakte.
Aber es gab halt auch die anderen, die sich in kleinen Gruppen abschotteten - reihenweise waren auf allen Mahlzeiten Tische immer gleich besetzt und wurden auch gegen "Eindringlinge" verteidigt. Offensichtlich wurde auch jeweils ein Gruppenmitglied abgestellt, frühmorgens diverse Liegen zu reservieren, die dann nur stundenweise unbelegt waren, weil die Sonne ja wandert und man die an anderer Stelle reservierten Liegen nutzte. Da lagen dann an immer den gleichen Stellen immer die gleichen (ungelesenen) Taschenbücher aus der Bordbibliothek auf den Handtüchern, um Belegung vorzutäuschen. Die Crew traute sich offenbar nicht, hier aktiv zu werden, denn es gab ja Meckerei und Konflikte genug. Das ist ja auf vielen Reisen so, aber bei einer Reise mit eingeschliffenen tagtäglichen Gewohnheiten und den vielen Schönwettertagen führt es zu Frust bei den Gästen, die sich sozial verträglich verhalten, auf solche Mätzchen verzichten und dann - je nach Klima - keine Schatten- oder Sonnenplätze mehr finden.
Wie überall im Leben gibt es, wo viel Licht ist, auch viel Schatten. Wer die Gelassenheit aufbringt, über die diversen geschilderten Unebenheiten hinwegzuschauen, sich an den grandiosen Landschaften begeistern kann und die Seetage als willkommene Zeit des Verarbeitens dieser Eindrücke begreift, wird auch auf einer Aida-Weltreise prima zurechtkommen.