
6. August 2019 – Liverpool
Wir gönnten uns einen etwas längeren Schlaf, denn die Waden sollten anschließend gefordert werden. Vor dem Frühstück nutzte ich wie jeden Morgen die Gelegenheit des Morgenkaffees und zu Blicken über Liverpool. Alles war noch da – warum sollte es anders sein? Über uns Sonne und Wolken, leichter Wind. Auf der anderen Seite des Mersey setzte die Sonne die Wallasey Town Hall ins rechte Licht.
Sie sollte tagsüber weiter scheinen – die optimale Voraussetzung für unser Vorhaben. Die Füße sollten qualmen, womit direkt nach dem Frühstück begonnen wurde. Liverpool erwartet uns …
1190 gab es einen Flecken, genannt Liurpul, was so viel wie schlammiger Pfuhl oder schlammige Bucht bedeutet. 1207 wurde der Pfuhl zum Marktflecken und Hafen erklärt. Dann tat sich zunächst nicht viel. Mitte des 16. Jahrhunderts hatte der Ort 500 Einwohner und war viel weniger wichtig als das südlich liegende Chester. Dann kam das Jahr 1698: das Unterhaus war einverstanden, dass in dem Ort eine neue Kirche gebaut werden durfte. Es war der Beginn des Aufstiegs: Reich wurde man durch den einsetzenden Handel mit den Westindischen Inseln; reich wurde man durch den Sklavenhandel (so wie auch das drei Tage später besuchte Honfleur). Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde 40 % des Welthandels über den Liverpooler Hafen abgewickelt … Dies führte naturgemäß zu starkem Wachstum; 1930 hatte man 850.000 Einwohner; Mitte 2012 waren es nach dem wirtschaftlichen Niedergang bei den originären Industrien nur noch ca. 445.000; aktuell wieder rd. 495.000 …
Wenn man an Liverpool denkt, kommen einem vor allen Dingen die Beatles und die beiden Traditionsvereine der Premier League, FC Liverpool und FC Everton, in den Sinn.
Uns an diesem Dienstag nicht so sehr – Fußball war nicht gefragt und die Stätten der Beatles nahmen wir später am Rande mit. Aber alles nach und nach … zunächst nutzten wir die breite, vom River Mersey begrenzte Promenade. Wir ließen die drei Grazien und die Beatles Statuen hinter uns und trafen in der Höhe der Albert Docks auf ein beeindruckendes Denkmal.
Die Emigranten, gestiftet von der Mormonischen Kirche, stellt eine junge Familie dar, die sich wie unzählige andere europäische Familien auf den Weg in die neue Welt machen wollte. Es müssen nicht immer Königinnen, Könige und Prominente dargestellt werden …
Wir verließen die Vier und machten uns auf. Vorbei an den Albert Docks und der M & S Arena folgten wir dem Fluss bis zum Ende der Queen´s Docks.
Von dort aus bewegten wir uns langsam, aber sicher über die Mariners Wharf, dann weiter geradeaus bis zum ehrwürdigen Gebäude der ehemaligen Cains Brewery.
Das Bierbrauen wurde in diesem Gemäuer leider schon vor längerer Zeit aufgegeben; Inns, Restaurants und sonst noch ´was machten sich in dem riesigen Backsteingebäude breit. Von dem ehemaligen Biertempel war es nur noch ein Katzensprung bis zur alles überragenden Liverpool Cathedral.
So alt ist die Kathedrale nicht. 1880 wurde die bisherige protestantische Diözese Chester geteilt. Eben in Chester und in Liverpool. Klar, dass bei den Kirchenvätern Liverpools der Wunsch auf eine eigene Kathedrale aufkam – 1901 wurde der Entschluss zum Bau gefasst, der von den spanischen Kirchen inspirierte katholische G.G. Scott gewann die Ausschreibung und 1904 wurde der Grundstein gelegt. Bis 1978 dauerte es – dann wurde im Beisein von Lizzy der Weihegottesdienst gefeiert. Übrigens, G.G. Scott ist der Vater der englischen roten Telefonhäuschen – selbst in der Kathedrale steht eins …
Wenn man vor der Kathedrale, speziell vor dem Portal steht, kommen einem folgende Attribute in den Sinn: gewaltig, mächtig, erschlagend – ein Bauwerk für die Ewigkeit. Es ist die größte Kathedrale Englands, eine der größten der Welt und die größte bzw. zweitgrößte (wie man´s nimmt) protestantische Kathedrale in der Welt: Grundfläche 9.687 qm (Kölner Dom: 7.914 qm); Länge 189 m (155 m); Turmhöhe 101 m (157 m); na, auch erschlagen – die Zahlen sagen alles …
Vor der Innenbesichtigung schlenderten wir durch den auf der Längsseite der Kirche angelegten Park. An einigen Stellen befanden sich sehr alte Grabmäler, angabegemäß z.T. von bekannten verstorbenen Liverpooler Bürgern. In einigen Bereichen hätte man Harry Potter – Szenen drehen können – es sah mitunter sehr verwunschen aus.
Selbstverständlich machten wir auch eine Innenbesichtigung. So viel Raum für ???
Tja, ob die gesamte Fläche bei Gottesdiensten auch an normalen Sonntagen gefüllt ist? Wohl kaum. Wir waren einfach baff über die Innenausdehnung der Kathedrale. Sie war nicht überladen, zeigte klassische und auch moderne Stilelemente. Hoffentlich wird sie nicht den Weg wie unzählige andere, teilweise sehr alte Gotteshäuser in England nehmen: Entweihung, Entkernung, Umgestaltung in Restaurants oder zu sonstigen Zwecken.
Vom Erschlagen erholten wir uns, indem wir die Hope Street entlang spazierten. Viele typisch englische Häuser als Einzel- und auch Reihenbauten. Einige liebevoll mit Blumen drapierte Eingangsbereiche.
Direkt vor dem von Paul McCartney mitbegründeten Liverpooler Institut für Darstellende Kunst trafen wir auf ein besonderes Kunstwerk. Angehäufte steinerne Koffer von Persönlichkeiten.
Diese Skulptur soll an berühmte Töchter und Söhne der Stadt erinnern; der nachgebildete Koffer von Charles Dickens sowie die Gitarrenkoffer der Beatles durften natürlich nicht fehlen.
Wir ließen die Philharmonic Hall rechts liegen und bewunderten den schräg gegenüber liegenden Philharmonic Dining Room,
ein älteres, hübsch aufgemachtes Gemäuer, in dem dem Gast das Ale mit Sicherheit mundet. Es stellt ein Public House, also ein Pub (endlich ein Pub und kein Inn!) dar, das vor 120 Jahren für den Bierbrauer Robert Cain (Hatten wir doch schon!) erbaut wurde.
Am Ende der Hope Street erhob sich auf einem Hügel die Metropolitan Cathedral,
die römisch-katholische Kathedrale des Erzbistums Liverpool. Die Geschichte dieser Kathedrale ist eine Geschichte von Bruchlandungen. Während der großen Hungersnot in Irland flohen Mitte des 19. Jahrhunderts katholische Iren scharenweise ins anglikanische England, so dass die katholischen Kleriker die Notwendigkeit sahen, ein riesiges Gotteshaus für ihre Gläubigen zu errichten. Ein Teil davon, die Marienkapelle, wurde fertiggestellt und dann ging das Geld aus. Zunächst diente die Marienkapelle als Pfarrkirche bis in den 1930er Jahren erneut der Wunsch nach einer katholischen Kathedrale aufkam. Als Gegengewicht zur anglikanischen Kathedrale in der Hope Street sollte die zweitgrößte Kathedrale in der Welt entstehen. Man kam sehr weit – immerhin wurde die Krypta fertiggestellt. Und dann ging das Geld aus … und die Marienkapelle diente weiterhin in ihrer bisherigen Funktion. Anfang der 1960er Jahre war wieder katholisches Geld vorhanden und die jetzige Metropolitan Cathedral wurde 1967 geweiht. Aber es war nicht so, dass damit die Bruchlandungen vorbei waren. Das Gotteshaus wurde zu schnell und nicht mit nachhaltigen Materialien hochgezogen; in den 90er Jahren mussten Risse ausgebessert, Fliesen komplett ausgetauscht und Aluminium- durch Stahlteile ersetzt werden.
Aber nun steht sie in ihrer ganzen Pracht. Zwar nicht in Armlänge zur anglikanischen Kathedrale, aber immerhin einen beide Gotteshäuser eins: sie stehen am Anfang und am Ende der Hope Street … zumindest ein Hoffnungsschimmer … Von außen erschien sie uns ganz anders als die gewohnten Gotteshäuser. Wie ein riesiges rundes, mit einer Krone versehenes Zelt. Diese Krone soll Jesus´ Dornenkrone darstellen. Ungewöhnliches machte uns neugierig. Das hatte zur Folge, dass wir die zum Eingang führenden unzähligen Treppen freiwillig bewältigten. Es lohnte sich. So außergewöhnlich wie das Äußere war auch der Innenraum. Vielfarbige Fenster ließen Sonnenstrahlen durch und brachten die „Innereien“ der Kirche phantastisch zur Geltung.
Was gehört zu Liverpool wie Jürgen Klopp? Logisch – die Beatles, für die es an den unterschiedlichsten Liverpooler Flecken Gedenkstätten gibt. Eine der Wichtigsten befindet sich rund um die Anfangsstätten ihrer Erfolge, also rund um die Mathew Street. Unser nächstes Ziel – aber erst nach dem Vertilgen von Pasteten. Ohne Futter wollten wir keinen Schritt weitergehen. Auch nicht zu den heiligen Beatles-Ecken. Gesagt, getan und dann los … nach der Stärkung gehorchten die Beine wieder und auf einmal waren wir dort, wo der Bär tobte: in der Mathew Street. Dort lautete das Motto: alles Beatles … Hatte diese Gruppe an diesem Tag Fans! Trotzdem gelang es uns, einige an die Beatles erinnernde „Devotionalien“ ohne vor die Linse laufende Personen zu fotografieren. Z.B. den ehemaligen Eingang zum Cavern Club mit der sich seitlich davor erhebenden Bronzestatue von Cilla Black, einer der Stars der Liverpooler Merseybeat-Szene.
Z.B. die Sammlung von Faksimiles goldener Schallplatten, die vorsichtshalber untrennbar mit der Hausmauer verbunden worden war. Z.B. die „Wall of Fame“ mit in Ziegelsteinen „gravierten“ Namen von Pop-Größen.
Alles eng umlagert. Besonders bei Ankunft von AIDA-Ausflugsgruppen. Jeder, nein fast jeder wollte vor den berühmten Stätten fotografiert werden …
Dass wir die vier über uns schwebenden Statuen der Beatles fotografierten, versteht sich von selbst.
Sie klebten an der Fassade des 1884 erbauten Hard Days Night Hotel. Klar, dass es in diesem Hotel rund um die Beatles geht, wenn man von den bevorzugten Bildern an den Wänden ausgeht …
Wir verließen das Cavern Quarter und setzten unseren Stadtrundgang fort. Nein, doch nicht, denn wir gönnten uns gegenüber des alten, Respekt einflößenden Gebäudes Town Hall eine Ruhepause.
Mehr als 250 Jahre alt dient es heute nicht mehr administrativen sondern repräsentativen Zwecken.
Nach einigen Minuten juckte es in den Beinen und wir – vorbei an dem bereits am Vortag besuchten Vicci-Denkmal – besuchten einen riesigen Einkaufstempel.
Nix für Marco und mich. Doch halt – ein Klavier, ein Klavier … es stand einfach im Wege und konnte von jedem genutzt werden. Marco nutzte die Chance und gab ein kleines Konzert. Leider von so gut wie niemandem beachtet – nur eine Passantin spendete Beifall. Alles eilte vorbei … Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich mich mit einem Hut als Spendenhort daneben gestellt hätte …
Von hier aus suchten wir die AIDAaura auf. Selbstverständlich vorbei an den drei Grazien – dieses Mal beachteten wir die Rückseiten der Gebäude.
Die von uns bewältigten 13 km reichten, um einen Überblick zu erhalten. Liverpools Innenstadt beeindruckte bei diesem Besuch. Die vor sieben Jahren von uns erkannten Schandflecken waren weitgehend beseitigt. Am Rest wurde gearbeitet – das walte Brexit …
Am Nachmittag fand das gut besuchte Offiziers-Shaken statt.
Ausruhen auf Deck 6 war aber auch ganz schön. Zunächst Sonne und Windstille. Das änderte sich leider schnell – es kam starker Wind mit Geschwindigkeiten von ca. 40 km/h auf. Ob Schlepperhilfe beim Ablegen benötigte wurde? Wie sich nach dem „Aufsammeln“ einiger verspäteter Passagiere herausstellte, kam es so. Der Schlepper musste seine ganze Kraft zeigen und der vom starken Wind an den Kai gepressten AIDAaura helfen, vom Anlegeplatz wegzukommen.
Ja, zu zweit schaffte man mehr als allein. Nunmehr konnte sich unser Schiff auf dem breiten Mersey drehen und sich in Richtung Meer bewegen. Wir bewegten auch – Messer und Gabel bei Alpenland im Marktrestaurant. Bevorzugt rustikal – es schmeckte. Da es recht frisch war und der Wind etwas gegen uns hatte, war nicht an einem Tagesabschluss in der Ohschän – Bar zu denken. Wir suchten uns – bewaffnet mit Cocktails – einen überdachten Platz auf dem Pooldeck aus. Das war auch gut so. Übergangslos öffnete der Himmel seine Schleusen. Der noch immer sehr starke Wind peitschte den Regen über die Freiflächen. Irgendwann hatten wir keine Lust mehr, diesem Wasserschauspiel beizuwohnen und verschwanden in der Kabine. Kraft tanken für Wales …
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